chayiana (chayiana) wrote,
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Und ploetzlich versteifte sich der Koerper des Mannes und seine Augen verdrehten sich derart nach hinten, dass man nur noch das Weisse darin erkennen konnte. Das Gesicht zur Tempeldecke erhoben, murmelte er unverstaendliche Dinge. Dieser Zustand waehrte fuer etwa eine halbe Minute, dann ruckte sein Kopf unvermittelt nach vorne und seine Augaepfel befanden sich wieder dort, wo sie hingehoerten.

Mit scheinbar erschoepfter Stimme begann er zu sprechen:

 

"Die allmaechtigen Goetterr haben mirr soeben mitgeteilt, dass sie es Euch trotz des bestandenen Testes nicht errlauben koennen, den Weg zu dem Torr zu errfahrren."

 

"Und warum das nicht?" fragte Teyla argwoehnisch nach.

 

"Die Goetterr brrauchen sich nicht vorr Euch zu errklaerren!" beharrte der Priester.

 

"Ach, jetzt hoer schon auf mit dem Mist!" warf McKay aufgebracht ein. "Glaubst Du allen Ernstes, wir haetten Dir Dein kleines Schauspiel von eben abgekauft? Du hast doch nie vorgehabt, uns diese Karte wirklich zu zeigen. Nicht uns, und auch niemand anderem, weil sie wahrscheinlich jedem einen Weg aus Deiner Tyrannei aufzeigen wuerde. Eine Tyrannei, die Ihr mit Hilfe von vorgegaukelten Goettern erschaffen habt," langsam redete sich Rodney in Rage, "...aber was waeret Ihr ohne das Volk, das Ihr unterdruecken koennt? Nichts weiter als ein paar jaemmerliche Gestalten, die..."

 

"Schweig!" fuhr Kodukan dazwischen. "Du wagst es, die Goetterr in Frrage zu stellen? Sie derrarrt zu erzuerrnen? Das wirrst Du noch berreuen," seine Augen verengten sich zu schmalen Schlitzen.

"Wachen! Errgrreift sie und werrft sie in den Kerrkerr!"

 

"Oh, das glaube ich weniger," meinte Ronon leichthin und zog mit einer schnellen Bewegung sein Schwert. Mit zwei grossen Schritten war er bei dem Hohepriester, verdrehte dessen rechten Arm brutal auf den Ruecken, so dass der Mann kurz vor Schmerzen aufkeuchte, und deutete dann mit der Schwertspitze auf dessen Hals.

"Du haettest uns entwaffnen sollen, als Du noch die Gelegenheit dazu gehabt hast? Ach nein, warte, diese Gelegenheit hattest Du ja nie!" fluesterte er ihm mit einem fast haehmischen Laecheln ins Ohr.

 

"Ronon!" riefen Teyla und Rodney zeitgleich aus. Sie waren beide voellig von dessen impulsiver Handlung ueberrumpelt worden.

Sheppard hingegen verfluchte sich im Stillen. Er haette Ronons Reaktion auf die Taeuschung des Mannes erahnen muessen. Der Satedaner handelte einfach in vielen Dingen zu instinktiv, ohne vorher die Folgen zu ueberdenken. Und die Folge hier war jetzt, dass die Situation eindeutig zu eskalieren begann.

 

"Verdammt!" murmelte er resignierend, als er erkannte, dass ihnen nun wahrscheinlich nichts anderes uebrig blieb, als das von Ronon begonnene Spiel mitzuspielen. Daraufhin wollte er ebenfalls seine 9-Millimeter ziehen, doch er musste zu seinem Leidwesen feststellen, dass er in seiner rechten Hand noch immer keine Kraft verspuerte. So griff er etwas umstaendlich mit der Linken nach seiner Waffe und zielte dann damit auf die Wachen, die sich in einem Halbkreis um sie versammelt und drohend die Speere erhoben hatten.

McKay und die Athosianerin hatten nun ebenfalls ihre Waffen erhoben und schauten John gleichermassen verunsichert und fragend an. Mulak stand zwischen ihnen und starrte nur am ganzen Koerper zitternd auf das Geschehen.

 

"Hoert zu, Leute," ergriff der Colonel beschwichtigend das Wort, "... wir wollen niemandem hier Schaden zufuegen. Alles, was wir wollen, ist einfach nur nach Hause zu kommen, und dafuer brauchen wir nunmal diese Karte. Also, wie waere es, wenn Ihr sie uns einfach holt, damit wir von hier verschwinden koennen?" bei diesen Worten nickte er den anderen Priestern aufmunternd zu.

"Wir versprechen Euch auch, dass wir Euch danach nie wieder behelligen werden. Einverstanden?"

 

Doch leider zeigte sein freundlich vorgetragenes Angebot keinerlei Wirkung. Noch immer wirkte die Szenerie wie eingefroren, niemand wagte es, sich auch nur um einen Zentimeter zu ruehren.

 

"Was ist nun?" zischte Ronon Kodukan leise zu. "Oder muss ich noch deutlicher werden?" und drueckte dabei mit seiner Schwertspitze etwas fester zu, so dass jetzt ein feiner Blutstropfen am Hals des Hohepriesters hinunter lief.

Die Stimme des Mannes bebte vor Hass und Verachtung, als er leise antwortete:

 

"Das wirrst Du berreuen. Die Goetterr werrden Dich bestrrafen!" doch dann wich die Spannung aus seinem Koerper und er gab dem hinter ihnen stehenden Priester einen Wink mit seiner freien Hand. Dieser drehte sich sofort um und verschwand im hinteren Teil des Tempels.

 

"Eine gute Entscheidung!" meinte Ronon ironisch grinsend.

 

Auch John atmete erleichtert auf. Vielleicht gab es ja doch noch eine Chance, dieses Dilemma unblutig und vor allem unbeschadet zu ueberstehen?

 

Als der Priester nach kurzer Zeit mit einer Papierrolle zurueckkam, ging McKay beherzt auf ihn zu und nahm ihm diese ab. Er entrollte sie und warf einen kurzen Blick auf die Karte. Sie war nicht sehr ausgefeilt, aber die Stadt, der Fluss und das Gebirge, in dem sich der Durchgang zur naechsten Welt, wie Mulak es genannt hatte, befinden sollte, waren fast masstabsgetreu eingezeichnet. Und Rodney war sich sicher, anhand der kleinen Details, die ausserdem aufgemalt worden waren, den verborgenen Zugang im Gebirge finden zu koennen, der zu dem Tor fuehren sollte.

Er nickte Sheppard bestaetigend zu und verstaute die Karte in seinem Rucksack.

 

"Ok, Leute, wir werden jetzt den Tempel und auch die Stadt verlassen," erklaerte dieser ruhig. "Euer Hohepriester wird uns noch ein Stueck begleiten, damit wir sicher sein koennen, dass Ihr nichts Unbedachtes tut. Wenn wir aus der Stadt heraus sind, lassen wir ihn frei. Ihr habt unser Wort darauf."

Sheppard hatte bei diesen Worten ganz bewusst die Wache angesehen, die sie schon die ganze Zeit ueber begleitet hatte. Er hoffte irgendwie, dass dieser Mann, der zugleich wohl auch der Befehlshabende der Soldaten war, ihnen mittlerweile vielleicht soweit vertrauen wuerde, um auch den Rest der Wachen unter Kontrolle halten zu wollen.

Der Hauptmann seinerseits wechselte einen unsicheren Blick mit Kodukan, der ihm mit einem leichten Senken des Kopfes andeutete, die Fremden gewaehren zu lassen.

Daraufhin wies er seine Maenner an, eine Gasse zu bilden, durch die sich jetzt das Team zusammen mit Mulak und dem Hohepriester, der noch immer von Ronon festgehalten wurde, langsam auf den Ausgang zubewegte.

 

Als sie im Freien waren, sagte der junge Eingeborene zu Sheppard:

 

"Ich weiss einen Weg, auf dem wirr ohne grrosses Aufsehen zu errregen aus der Stadt herrauskommen."

 

"Sehr gut," erwiderte John ohne zu zoegern, "... dann los."

 

Mulak uebernahm die Fuehrung und leitete sie durch enge Gassen, die tatsaechlich fast menschenleer waren, immer weiter von dem Tempel weg. Nur zweimal mussten sie sich in die Schatten eines Hauseinganges zurueckziehen, um ein paar der Einwohner passieren zu lassen. Und auch wenn diese Wesen keine Gefahr darstellten, waren sie dennoch zu dem Entschluss gekommen, dass es besser waere, wirklich von niemandem gesehen zu werden.

Doch als sie gerade das zweite Mal ihr Versteck verlassen wollten, hoerten sie Ronon hinter sich unterdrueckt fluchen.

Sheppard fuhr alarmiert herum und konnte gerade noch sehen, wie der rote Umhang des Priesters hinter der naechsten Ecke verschwand.

 

"Was ist passiert?" fragte er irritiert.

 

"Dieser kleine Bastard hat mir sein Horn in den Arm gerammt!" erwiderte Ronon wuetend und hielt sich seinen blutenden Unterarm. Sein Zorn richtete sich aber groesstenteils gegen sich selbst. Der Priester hatte ihn mit dieser ploetzlichen Attacke dermassen ueberrumpelt, dass er fuer einen Moment vor Ueberraschung aber auch vor Schmerz den Griff etwas gelockert hatte, so dass es Kodukan gelingen konnte zu fliehen. Ronon wollte schon auf dem Absatz kehrtmachen, um dem Mann nachzujagen, doch der Colonel hielt ihn auf.

 

"Das bringt doch nichts. Sehen wir lieber zu, dass wir schnellstmoeglich aus dieser verdammten Stadt verschwinden. Wird es gehen?" wollte er noch von dem Satedaner wissen, doch dieser hatte sich bereits mit einem Stueck Stoff seines Hemdes selbst verbunden und nickte nur grimmig.

 

"Aber Kodukan wird jetzt sicher die Wachen auf uns hetzen," meinte McKay nervoes.

 

"Genau aus diesem Grund sagte ich ja auch 'schnellstmoeglich', Rodney," erwiderte John spoettisch, und an Mulak gewandt meinte er:

"Zeig uns, wie es von hier weitergeht... ach, und auf dem schnellsten Wege bitte," fuegte er mit einem Seitenblick auf den Kanadier noch hinzu.

Dieser verdrehte nur kurz aufschnaubend die Augen.

 

Dann liefen sie weiter im Schutz der eng stehenden Haeuser durch die Stadt. Und tatsaechlich dauerte es nicht mehr lange, bis die hohen Mauern des Schutzwalles vor ihnen auftauchten.

 

"Und wie sollen wir da jetzt raufkommen?" fragte McKay und sah fast ehrfuerchtig die dunkle, massive Wand hinauf, die sich vor ihnen aufbaute.

 

"Wirr muessen da nicht hoch," sagte der Junge.

 

"Muessen wir nicht?" echote Rodney verbluefft.

 

"Nein, es gibt hierr einen kleinen Durchlass. Kommt, ich zeig ihn Euch."

Er dirigierte sie an der Stadtmauer entlang, bis sie auf eine kleine Rinne stiessen, in der schlammig braunes Wasser in Richtung Wall floss. Dieses verschwand dann in einer Roehre von etwa einem Meter Durchmesser, die geradewegs durch die Mauer hindurch zu fuehren schien. Es gab nur einen kleinen Haken...

 

"Du meine Guete! Was stinkt denn hier so?" fragte McKay stark naeselnd, da er sich mit seinen Fingern die Nase zukniff.

 

"Das scheint ein Abwasserkanal zu sein," antwortete Ronon mit ebenfalls angewiderter Miene.

 

"Ach wirklich? Stellen Sie sich vor, darauf bin ich auch schon gekommen," entgegnete der Wissenschaftler sarkastisch.

 

"Warum fragen Sie dann?" wollte John wissen und in seinen Augen blitzte es kurz amuesiert auf.

 

"Sie glauben doch nicht wirklich, dass ich da durchkrieche? Das kann nicht Ihr Ernst sein?"

Entgeistert starrte McKay auf die schmutzige, halb mit uebelriechender Bruehe gefuellte Roehre.

 

"Ich zwinge Sie bestimmt nicht. Wenn Sie die Gesellschaft der netten Maenner mit den Speeren, die uns auf den Fersen sind, dem hier vorziehen, will ich Sie auf keinen Fall aufhalten, Rodney," meinte Sheppard gleichmuetig und folgte Mulak, Teyla und Ronon, die schon vorausgekrochen waren. Er musste sich auf seine Haende und Knie herablassen, da das Loch viel zu klein war, um aufrecht darin gehen zu koennen. Und er verstand jetzt auch McKays Abscheu, als ihm der ekelerregende Geruch in die Nase stieg. Sein Magen zog sich krampfhaft zusammen und es kostete ihn einige Anstrengung, die bittere Galle, die in ihm hochstieg, zurueckzudraengen. Doch ihnen blieb im Moment gar keine andere Wahl. Und das schien letztendlich auch der Kanadier erkannt zu haben, denn er liess sich nun mit einem schicksalsergebenen Seufzen ebenfalls auf die Knie sinken, holte noch einmal tief Luft und schloss sich dann mit angehaltenem Atem seinen Freunden an.

 

Nachdem Rodney als Letzter auf der anderen Seite der Mauer wieder auf die Beine kam, holte er erstmal prustend und keuchend Luft. Dabei spuerte er foermlich Sheppards spoettisches Stirnrunzeln, doch das ignorierte er geflissentlich. Stattdessen versuchte er lieber, seine Haende an dem kuemmerlichen Grasbewuchs abzuwischen, der entlang der Mauer um sein Leben kaempfte. Leider fiel der nachfolgende Geruchstest negativ aus, was John anhand des wehleidig angewiderten Ausdruckes auf Rodneys Gesicht eindeutig erkannte. Und er konnte sich ein Grinsen nicht verkneifen. Warum sollte es dem Wissenschaftler auch besser gehen als ihnen? Die Soldaten der Priester brauchten sie nun gar nicht mehr sehen koennen, sie wuerden schon durch den Gestank, den das Team jetzt verstroemte, ihrer Faehrte folgen koennen.

Dieser kleine Gedankengang erinnerte Sheppard daran, dass sie noch lange nicht ausser Gefahr waren.

 

"Wie waere es, wenn Sie uns jetzt mal einen Blick auf diese Karte werfen lassen wuerden?" schlug er vor und sah McKay auffordernd an. Dieser erwiderte den Blick fuer einen Moment ratlos, bis ihm einfiel, dass er ja diese Karte in seinem Rucksack verstaut hatte. Hastig zog er sie hervor und breitete sie auf dem Boden aus. John und die anderen scharrten sich um ihn und versuchten zu erkennen, welchen Weg sie einschlagen mussten.

 

"Ok, wenn ich das richtig sehe, ist der Zugang zu dem Tor in dem Teil des Gebirges, das sich auf der anderen Seite des Flusses befindet," meinte Rodney, die anderen nickten zustimmend.

 

"Ich glaube unsere beste Chance besteht darin, zu unserem Floss zu kommen, bevor wir von den Wachen entdeckt werden, und dann auf direktem Wege auf die andere Seite ueberzusetzen. Es sieht so aus, als wenn es dort einige Huegel und Felsen gibt, die uns als Deckung dienen koennten," ueberlegte Teyla. "Aber wir sollten uns auf jeden Fall beeilen. Wir wissen nicht, wie lange Kodukan braucht, um seine Maenner zu mobilisieren."

 

"Einverstanden," entgegnete Sheppard. Dann rollte er die Karte wieder zusammen und liess sie in seiner Weste verschwinden.

"Wir halten uns am besten nahe der Stadtmauer. Hier gibt es wenigstens ein paar Buesche, hinter denen wir uns verstecken koennen."

 

Sie waren ein gutes Stueck abseits des Haupttores herausgekommen, so dass sie zunaechst etwa ein Viertel der Stadt umrunden mussten, um wieder auf den Eingang zu stossen. Sie huschten von Strauch zu Strauch, jeden Schkupfwinkel ausnutzend und immer darauf bedacht, nicht zufaellig von jemandem auf der Mauer gesehen zu werden. Doch als sie endlich an dem Tor angekommen waren, durch das sie am Vortag die Stadt betreten hatten, wurde ihnen schnell klar, dass sie es nicht schaffen wuerden, den restlichen Weg zum Fluss hinunter unbemerkt zu ueberwinden. Es gab keinerlei Deckung, nicht ein Gebuesch oder Felsen, nichts.

 

"Teyla, schauen Sie doch mal, ob uns dort unten schon irgendwer erwartet," meinte John.

 

Daraufhin holte die Athosianerin das Fernglas hervor und kontrollierte das Flussufer.

Nach einer kurzen Weile sagte sie:

 

"Ich kann niemanden entdecken. Wir sollten es riskieren."

 

"Also gut... sie werden uns auf jeden Fall sehen," erlaeuterte Sheppard. "Das bedeutet, dass unsere einzige Chance darin besteht, schnell zu sein. Wir werden da jetzt runterlaufen, das Floss losmachen, uebersetzen und sofort auf der anderen Seite wieder in Deckung gehen. Alles klar?" er schaute kurz fragend in die Runde, sein Blick blieb bei dem Kanadier haengen, der ihn unsicher ansah. "Rodney?"

 

"Ja... ja, alles klar!" erwiderte dieser tapfer, obwohl ihm so gar nicht danach zumute war.

 

John nickte ihm noch einmal aufmunternd zu, bevor er den Befehl zum Aufbruch gab. Dann rannten sie gemeinsam los.

 

Und wie eine sich selbsterfuellende Prophezeiung erklang schon nach wenigen Metern ein lautes, kehliges Rufen vom Wehrgang ueber ihnen. Dann hoerten sie das Knarzen des Tores, als es sich langsam oeffnete, um Dutzenden von Kriegern den Weg aus der Stadt zu ermoeglichen.

 

'Uh... das wird eng!' dachte Sheppard ahnungsvoll. Er warf einen kurzen Blick ueber die Schulter zurueck und erkannte, dass sie kaum mehr als siebzig oder achtzig Meter Vorsprung hatten. Und die Zeit, die die Soldaten brauchen wuerden, um sie einzuholen, wuerde nur knapp reichen, um das Floss aus seiner Vertaeuung zu loesen und in Bewegung zu setzen. 

 

"Lauft!" feuerte er seine Freunde nochmal an. Und selbst McKay, der schon voellig ausser Atem war, beschleunigte auf den letzten Metern noch einmal.

Dann hatten sie das Floss erreicht. Ohne sich lange mit den Knoten aufzuhalten, kappten sie einfach mit ihren Messern die Lianen, mit denen sie ihr Gefaehrt festgebunden hatten.

Und waehrend Ronon und John das Floss anschoben, ergriffen Teyla und Rodney die beiden Paddel und begannen damit, es vom Ufer wegzusteuern. Mulak hatte sich zwischen ihnen niedergelassen und versuchte, da er nicht wusste, wie er sonst helfen konnte, niemandem im Wege zu sein.

 

Sie hatten kaum ein Drittel des Weges zurueckgelegt, als die ersten Speere neben ihnen ins Wasser platschten. Die Soldaten hatten das Ufer erreicht und griffen an.

 

"Wir muessen vom Fluss runter, sonst wird hier das reinste Zielschiessen!" rief Sheppard den anderen angespannt zu und nahm Teyla das Paddel ab. Erschoepft liess sie ihn gewaehren. Auch Ronon loeste nun McKay ab, der ihn dafuer kurz dankbar anlaechelte.

Verbissen kaempften nun John und der Satedaner gegen die Stroemung an, die das Floss stetig wieder zurueck in die Mitte des Flusses ziehen wollte. Langsam, viel zu langsam, kamen sie dem anderen Ufer naeher.

Immer wieder zischten die Wurfgeschosse der Einheimischen gefaehrlich dicht an ihnen vorbei. Und nicht nur einmal glaubte John sogar den Luftzug zu spueren, den die Speere im Vorbeiflug verursachten. Es glich einem Wunder, dass bis jetzt noch keiner von ihnen getroffen worden war.

 

Dann endlich stiess ihr Gefaehrt auf der anderen Seite an. Sofort sprangen Rodney und Teyla von Bord. Waehrend die Athosianerin schon weiterlief, bemerkte McKay, dass der junge Eingeborene ihnen nicht gefolgt war.

 

"Mulak! Nun komm schon, wir muessen weiter," rief er ihm zu. Doch dieser sass wie festgenagelt auf dem Floss, unfaehig sich zu ruehren.

 

"Laufen Sie, Rodney! Wir kuemmern uns um ihn," entgegnete Sheppard und wechselte einen schnellen Blick mit Ronon, worauf sich jeder von ihnen einen Arm des Jungen griff und ihn so nach oben zog.

"Du hast gehoert, was der Mann gesagt hat... wir muessen hier weg."

Und tatsaechlich schien Mulak nun aus seinem tranceaehnlichen Zustand zu erwachen, denn er nickte und beeilte sich, den Maennern zu folgen.

 

McKay hatte noch einen Augenblick lang besorgt zugeschaut, aber als er jetzt sah, wie der Einheimische zusammen mit Sheppard und Ronon die Boeschung heraufkam, wollte er sich erleichtert umdrehen und weiterlaufen. Doch dazu kam er nicht mehr, denn in diesem Moment riss ihn die Wucht des Speeres, der sich tief in seinen Koerper bohrte, zu Boden.

Seltsamerweise verspuerte er keinen Schmerz, sondern blickte nur voellig unglaeubig auf den fast zwei Meter langen Schaft, der knapp unterhalb seines Rippenbogens aus seinem Bauch herausragte.

 

Als Sheppard sah, wie McKay getroffen zu Boden ging, schien es ihm, als wuerde eine eiskalte Hand sein Herz ergreifen, um es langsam aber sicher zu zerquetschen. Der Schreck trieb ihm die Luft aus den Lungen.

 

"Rodney!" fluesterte John entsetzt. Dann stuermte er zu seinem Freund hinueber und liess sich neben ihm auf die Knie fallen. Fassungslos starrte er auf die schreckliche Wunde, die der Speer verursacht hatte. Verdammt! Sie hatten es doch fast geschafft gehabt. Warum nur? In einer hilflosen Geste legte John ihm eine Hand auf die Schulter und sah ihn an. Aus glasigen Augen erwiderte McKay den Blick.

 

"Was...?" wisperte er verwirrt, seine Stimme klang irgendwie zerbrechlich.

 

"Nicht reden!" befahl Sheppard sanft. "Wir bringen Sie hier erstmal weg."

Er schaute zu Ronon und Mulak hinauf, denen ebenfalls das Entsetzen ins Gesicht geschrieben war. Dann trugen sie ihn gemeinsam zu der kleinen Felsengruppe, wo Teyla schon ungeduldig auf sie wartete.

 

"Wo waren Sie... Oh mein Gott! Rodney!" keuchte sie schockiert und wurde kreidebleich, als sie das Ausmass der Verletzung erkannte. "Was ist passiert?"

Sie erwartete keine Antwort auf ihre Frage, denn das, was sie sah, war Antwort genug.

 

Ronon vergewisserte sich kurz, dass sie ausser Schuss- und Reichweite und somit fuers Erste in Sicherheit waren. Die Wachen auf der anderen Seite des Flusses liefen aufgeregt durcheinander, machten aber bisher keine Anstalten, den Strom zu ueberqueren. Wahrscheinlich wussten auch sie um die Piranhas, die dort lauerten.

Dann kam er zurueck und meinte:

"Wir muessen das Ding irgendwie aus ihm herausholen!"

 

"Nein," widersprach Teyla. "Er wuerde auf der Stelle verbluten. Aber wir sollten versuchen, den Speer zumindest so weit zu kuerzen, dass er ihn nicht mehr behindert."

 

Daraufhin trennten sie den Schaft mit dem Messer nahe der der Haut ab. Und obwohl sie dabei sehr behutsam und vorsichtig zu Werke gingen, liess es sich nicht vermeiden, dass sie den Speer bewegen mussten. Ungluecklicherweise hatte der erste betaeubende Schock nachgelassen, so dass Rodneys Gehirn wieder in der Lage war, Schmerzsignale auszusenden, und so stoehnte er mehrmals gequaelt auf. Als sie es endlich geschafft hatten, glaenzten kalte Schweissperlen auf seiner Stirn und er zitterte am ganzen Koerper. Es war ihnen ein Raetsel, warum er tatsaechlich immer noch bei Bewusstsein war. Teyla verband die Wunde notduerftig mit dem letzten Verband, den sie noch hatten. Doch nur innerhalb von Sekunden verfaerbte sich dieser schon dunkelrot. Zutiefst besorgt fragte sie:

 

"Was sollen wir jetzt nur tun?"

 

"Wir werden ihn bis zum Gebirge tragen," antwortete Sheppard ein wenig verwundert darueber, dass sie diese Frage ueberhaupt gestellt hatte.

Die Athosianerin erhob sich, fasste ihn am Arm und zog ihn ein paar Schritte mit sich fort.

 

"Das koennen wir nicht," erwiderte sie mit leiser, eindringlicher Stimme. "Wir duerfen ihn in diesem Zustand nicht transportieren. Der Blutverlust ist jetzt schon lebensbedrohlich, aber sollten wir ihn zudem bewegen, wage ich es nicht, an die Folgen zu denken."

Es war die pure Verzweifelung, die John in Teylas dunklen Augen las. Und erst jetzt wurde er sich der ganzen Tragweite bewusst.

 

"Aber..."

 

"... hierbleiben koennen wir auch nicht," warf Ronon duester ein, der nun zu ihnen getreten war, und zeigte ueber seine Schulter runter zum Fluss. Teyla und John erkannten sofort, was er meinte. Auf der anderen Seite trugen die Soldaten in diesem Moment mehrere kleine Boote von der Stadt hinunter zum Ufer. Es wuerde nicht lange dauern, bis sie damit beginnen wuerden, den Strom zu ueberqueren.

 

"Ihr... Ihr muesst mich zuruecklassen," hoerten sie Rodney ploetzlich sagen, sein Atem ging keuchend und man merkte ihm an, dass er grosse Muehe hatte, ueberhaupt zu sprechen. "Ich bleibe hier und halte sie auf so lange es geht."

 

"Nein, Rodney, das werden Sie nicht!" entfuhr es Sheppard erschrocken. "Und ganz sicher werden wir Sie hier nicht zuruecklassen."

 

"Jetzt vergessen Sie doch mal Ihren verfluchten Ehrenkodex," entgegnete McKay wuetend. "Bis zu diesem Gebirge ist es mit Sicherheit ein 3-Tagesmarsch, auch ohne, dass Sie mich tragen. Und selbst, wenn ich das ueberstehen sollte, waeren Sie auf die Art viel zu langsam. Die Soldaten wuerden uns einholen und... "

 

"Jetzt reden Sie nicht solchen Unsinn, Rodney!" herrschte John ihn an. Ein unglaublicher Zorn stieg in ihm hoch. Ein Zorn, der sich nicht gegen seinen schwerverletzten Freund richtete, sondern viel mehr aus dem Wissen erwuchs, dass dieser vermutlich Recht hatte.

Dennoch wollte und konnte er es nicht zulassen.

"Wir werden das hier zusammen durchstehen. Und Sie werden es ueberleben!"

 

"Das werde ich nicht. Und das wissen Sie auch," erwiderte McKay schon fast beaengstigend ruhig.

 

Eine kleine Ewigkeit sagte niemand etwas dazu. Der Colonel stand bebend mit zusammengepressten Lippen vor dem Kanadier und schaute fassungslos auf ihn herunter.

Teylas Augen schimmerten feucht. Der Satedaner und Mulak verharrten regungslos, fast wie betaeubt. Nur Ronons geballte Faeuste waren ein Zeichen dafuer, welch innerer Aufruhr in ihm vorging.

 

"Nichts weiss ich... ," entgegnete John trotzig und wollte sich buecken, um McKay aufzuhelfen. Es war ihm egal, was dieser zuvor gesagt hatte oder ob er Recht hatte oder nicht. Er wuerde ihn unter gar keinen Umstaenden dieser Horde von Wilden ausliefern.

Doch ploetzlich wich er zurueck und starrte entgeistert auf die 9-Millimeter, die der Wisenschaftler in diesem Augenblick auf ihn richtete.

 

"Was zum Teufel soll das denn jetzt werden?"

 

"Das soll bedeuten, dass ich notfalls einen von Euch erschiessen werde, damit Sie endlich von hier verschwinden," erklaerte Rodney schlicht.

 

"Das wuerden Sie nicht tun," gab Sheppard tonlos zurueck.

 

"Oh, doch! Das wuerde ich," sagte er und entsicherte bei diesen Worten die Pistole.

"Verdammt, John, wir wissen beide, dass ich es nicht schaffen werde, aber ohne mich haben Sie zumindest eine Chance, das Tor zu erreichen."

 

Und es war nicht die Waffe in Rodneys Haenden, die John zeigte, wie ernst es dem Kanadier damit war, sondern vielmehr die Tatsache, dass dieser ihn zum ersten Mal mit seinem Vornamen angesprochen hatte.

Wie um seine Aussage noch zu bestaetigen, wurde McKay jetzt von einem schrecklichen Hustenanfall heimgesucht. Und er spuckte Blut. Die Speerspitze musste demnach auch seine Lunge verletzt haben. Es bestand kein Zweifel daran, dass seine Verletzung toedlich war. Dennoch schrie jede Faser in Sheppards Koerper danach, sich nicht dem Wunsch seines Freundes zu beugen. Allerdings hatte der rationale Teil seiner selbst laengst begriffen, dass ihnen gar nichts anderes uebrig blieb, wenn sie nicht alle sterben wollten. Sie hatten zwar noch ihre Waffen, aber gegen diese Uebermacht, die mittlerweile fast das diesseitige Ufer erreicht hatte, hatten sie keine Chance.

 

Ohnmaechtig schaute er erst Teyla und dann Ronon an. Eine tiefe Traurigkeit aber auch Verstaendnis zeichnete sich auf ihren Gesichtern ab. Stumm nickten sie ihm zu.

Mit einem letzten qualvollen Aufseufzen wandte er sich wieder um.

 

"Rodney... ich...," er konnte keine Worte finden, fuer das, was er in diesem Augenblick empfand. Tief in seinem Innern zerbrach etwas. Etwas, das wohl nie wieder heilen wuerde.

 

"Nun werden Sie bloss nicht sentimental, Colonel," schnaubte McKay barsch, fast hoehnisch. "Das steht Ihnen nicht. Und nun gehen Sie endlich, verdammt nochmal!"

 

Sie wussten, dass er ihnen den Abschied damit erleichtern wollte, doch das daempfte den Schmerz nicht, der ihnen die Kehlen zuschnuerte.

Ohne ein weiteres Wort ueberliessen sie dem Kanadier all ihre Pistolen und Ersatzmunitionen. Denn wenn er es nicht schaffte, die Soldaten aufzuhalten, wuerden sie diese mit grosser Sicherheit auch nicht mehr brauchen koennen.

Teyla ging nochmal neben Rodney in die Knie und kuesste ihn auf die Stirn, waehrend die drei Maenner nur mit versteinerten Gesichtern daneben standen.

Dann drehten sie sich um und gingen. Keiner von ihnen schaute sich noch einmal um, sie haetten es nicht ertragen koennen.

Rodney hingegen sah ihnen noch einen Moment nach und sagte dann mit einem leisen Laecheln auf den Lippen:

 

"Wenigstens bin ich in dieser Geschichte mal der Held."

 

Daraufhin robbte er muehsam einige Meter weiter, bis er sich genau an einer Luecke zwischen zwei der Felsen befand, von wo er das Flussufer und die herannahenden Soldaten gut im Sichtfeld hatte, aber dennoch geschuetzt war.

Er spuerte, wie ihm das Shirt nass und schwer von seinem eigenen Blut am Koerper klebte. Jeder Atemzug bereitete ihm endlose Qualen, wie gluehendheisse Messerstiche bohrte sich jeder von ihnen in sein Bewusstsein und liessen ihn die Welt nur noch durch einen Schleier aus Schmerz wahrnehmen.

Doch er kaempfte den Schmerz nieder. Er musste es. Fuer seine Freunde.

Er brachte seine Waffe in Position und begann zu feuern. Dabei achtete er darauf, den Soldaten mehr Angst einzujagen, als sie wirklich ernsthaft zu verletzen. Denn schliesslich folgten auch sie nur den Befehlen ihrer Herren, die sich feige in ihrem Tempel versteckten. Dennoch konnte er es nicht verhindern, dass er das ein oder andere Bein traf, aber das durfte ihn nicht kuemmern, wenn sein Plan, die Soldaten von einem weiteren Vordringen abzuhalten, aufgehen sollte.

Und es schien tatsaechlich zu funktionieren. Durch den stetigen Beschuss und den Anblick der sich vor Schmerz auf den Boden waelzenden Maennern eingeschuechtert, wichen die Angreifer immer weiter zurueck, bis sie es schliesslich ganz aufgaben und sich wieder auf die andere Seite des Flusses zurueckzogen.

Keine Minute zu frueh.

Denn seine Munition neigte sich dem Ende zu und auch seine Kraefte liessen bedrohlich nach. Die Pistole in seiner Hand schien mittlerweile Tonnen zu wiegen. Und er benoetigte das letzte Bisschen Kraft, das ihm geblieben war, um sie wieder auf ihr Ziel zu richten. Dunkelrote Schwaden flimmerten schon vor seinen Augen, als er begriff, dass er sie letztendlich wirklich aufgehalten hatte. Ein grimmiges Laecheln breitete sich auf seinem Gesicht aus, waehrend das Leben weiter in unaufhaltsamen Schueben aus ihm herausfloss.

Ja, er hatte es geschafft.

Er hatte diese Schlacht gewonnen. Seinen eigenen Kampf jedoch verlor er.

Doch er starb mit der Gewissheit, dass seine Freunde in Sicherheit waren. Und als er zum letzten Mal seine Augen schloss, tat er dies mit einem zufriedenen Laecheln auf dem Gesicht.

tbc

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