chayiana (chayiana) wrote,
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Erschrocken sahen sich die Vier um, doch sie konnten den Jungen nirgendwo im Wasser entdecken. Dann bemerkte Ronon die abgetrennte Liane, an der der Eingeborene festgebunden war.

 

"Sie muss zusammen mit dem Ruder abgerissen sein," vermutete er.

 

"Da!" rief Rodney ploetzlich und zeigte nach hinten, wo Mulak fuer einen Augenblick nach Luft schnappend an die Wasseroberflaeche kam, aber sofort wieder, wild um sich schlagend, versank.

 

"Verdammt!" fluchte Sheppard. "Warum hat der Dummkopf uns nicht erzaehlt, dass er gar nicht schwimmen kann."

Bei diesen Worten zog er hastig die Schuhe aus, kappte seine Sicherungsleine und streifte sich die Weste ab.

 

"Hier, halten Sie das mal!" befahl er McKay und drueckte ihm die schwere Weste in die Hand.

 

Rodney konnte nur verdattert nicken und dann dabei zusehen, wie sein Freund ins Wasser hechtete.

 

Die Stroemung war hier noch so stark, dass Sheppard fast seine letzten Energiereserven aufwenden musste, um den Jungen, der immer wieder kurz mit panischen Bewegungen vor ihm auftauchte, ueberhaupt zu erreichen.

Als er endlich bei der Stelle angelangt war, an der er ihn das letzte Mal gesehen hatte, war dieser verschwunden. John holte noch einmal tief Luft und tauchte ab. Verzweifelt gegen die Stroemung ankaempfend versuchte er in den trueben wirbelnden Massen etwas zu erkennen. Doch aufgewuehlter Schlamm vermischt mit Abermillionen kleinen Luftblaeschen machten ihn praktisch blind.

 

Dann nahm er unvermittelt eine schwache Bewegung neben sich wahr. Instinktiv griff er zu und bekam Mulaks Arm zu fassen. Mit einarmigen Schwimmbewegungen strebte er der Wasseroberflaeche entgegen. Aber der Eingeborene, der hingegen jeglicher Vernunft noch immer um sich schlug, erschwerte dieses Unterfangen zusehends. Johns Lungen schrieen inzwischen nach Luft, und fast glaubte er, dass der Junge sie beide ins Verderben ziehen wuerde, als er endlich die Oberflaeche durchbrach. Gierig sog er die frische Luft ein.

 

Auf dem Floss beobachteten Teyla, Ronon und Rodney angespannt das Geschehen und atmeten erleichtert auf, als sie Sheppard mit Mulak zusammen an die Wasseroberflaeche kommen sahen. Und ob es nun Schicksal, Zufall oder einfach nur pures Glueck war, dass sich Teyla in diesem Moment umdrehte, konnte keiner von ihnen hinterher mehr so genau sagen. Doch als sie das tat, gewahrte sie aus den Augenwinkeln einen dunklen Schatten, der sich ihnen von der Bugseite her bedrohlich schnell naeherte.

 

"Oh mein Gott!" schrie sie entsetzt auf. Die beiden Maenner fuhren herum und starrten fuer eine Sekunde fast unglaeubig auf den Schwarm.

"John... er ist verletzt! Sie werden ihn angreifen!" rief sie hilflos.

 

"Nicht, wenn sie vorher etwas anderes zu fressen bekommen," meinte Rodney ploetzlich grimmig und begann hastig Sheppards Weste zu durchsuchen.

 

"Was haben Sie vor?" fragte Ronon ungeduldig.

 

Doch da hatte McKay schon die letzte Handgranate in der Hand und zog mit einem verbissenen Gesichtsausdruck den Splint heraus, bevor er sie inmitten des Piranhaschwarms warf. Sekunden spaeter zerriss die Explosion die Oberflaeche des Flusses und eine Wasserfontaene bestueckt mit dutzenden zerfetzten Fischleibern schoss empor. Sofort fing die Oberflaeche an zu brodeln, als die ueberlebenden Piranhas sich auf ihre toten Artgenossen stuerzten. Rodney hatte gehofft, dass diese Fische kannibalistisch veranlagt sein wuerden und dass diese kleine Vorspeise dem Colonel und Mulak genug Zeit lassen wuerde, um das Floss zu erreichen. Und zum Glueck hatte er mit dieser Vermutung auch Recht behalten.

 

Erschrocken drehte sich Sheppard im Wasser um, als er die Explosion hoerte, selbst auf diese Entfernung konnte er die Druckwelle spueren, die sich unter Wasser ausbreitete.

 

'Was zum Teufel soll das denn werden?' fragte er sich verunsichert.

Doch als er die toten Fische auf die Wasseroberflaeche zurueckfallen sah, wurde er sich der Gefahr bewusst, in der sie schwebten. Er verdoppelte seine Bemuehungen, den Eingeborenen in Richtung des Flosses zu ziehen. Diesen jedoch hatte die Detonation der Granate jetzt so sehr in Panik versetzt, dass er scheinbar keinen klaren Gedanken mehr fassen konnte. Er wehrte sich immer heftiger und bereitete John damit nicht nur immense Schwierigkeiten, ihn ueber Wasser zu halten, vielmehr brachte er so auch den Colonel selbst in arge Bedraengnis. Immer oefter wurde John durch dessen heftige Gegenwehr unter Wasser gedrueckt und atmete anstatt lebensnotwendiger Luft Fluessigkeit in seine Lungen.

Ihm wurde klar, dass sie es unter diesen Umstaenden auf keinen Fall schaffen wuerden, rechtzeitig das rettende Floss zu erreichen. Und das, obwohl die Stroemung ihn nun unterstuetzte, indem sie ihn in Richtung seiner Freunde zog.

Er sah nur einen Ausweg.

Kurzerhand schlug er den Jungen bewusstlos. Nun konnte er, obgleich der Eingeborene ploetzlich Zentner zu wiegen schien, sich auf das Schwimmen konzentrieren. Bald hatte er sich dem Floss auf wenige Meter genaehrt. Ronon warf ihm eine Liane zu, an der er sich im ersten Moment einfach nur festklammerte, um zu Atem zu kommen. Er war voellig erschoepft und die Wunde an seiner Seite bereitete ihm Schnerzen.

Ronon und Rodney zogen ihn mit aller Kraft heran. Und zusammen mit der Stroemung bewirkte dies, dass er foermlich auf das Floss zuschoss, doch dann rief Teyla, die den Schwarm im Auge behalten hatte, ploetzlich:

 

"Sie kommen!"

 

Offensichtlich hatten sie den ersten Gang beendet und wollten sich nun auf den naechsten stuerzen. Praktisch in allerletzter Sekunde gelang es Ronon und Rodney die beiden Maenner an Bord zu ziehen. Ein paar der Piranhas gingen in ihrem Verlangen nach Futter sogar so weit, dass sie um Armeslaenge aus dem Wasser schossen, um ihrer Beute doch noch habhaft zu werden. Doch ihre mit spitzen Zaehnen bestueckten Maeuler schnappten ins Leere.

 

John liess sich neben dem ohnmaechtigen Mulak auf den Ruecken fallen und schloss die Augen. Sein Atem ging schwer und das Herz haemmerte in seiner Brust. Und fuer einen Augenblick griff ein schwarzer Schatten nach seinem Bewusstsein, der sich erst verfluechtigte, als sich eine Hand vorsichtig auf seine Schulter legte.

 

"John? Sind Sie in Ordnung?" Teylas besorgte Stimme drang wie aus weiter Ferne an sein Ohr. "Bitte, Colonel, antworten Sie doch!"

 

"Mir geht's gut..." erwiderte er matt und oeffnete langsam wieder die Augen, doch als er sich aufrichten wollte, durchfuhr ihn abermals ein stechender Schmerz in der Seite, und er stoehnte auf.

 

"Also, als gut wuerde ich wahrscheinlich etwas anderes bezeichnen..." bemerkte Rodney, es sollte ironisch klingen, doch er konnte den besorgten Klang in seiner Stimme nicht ganz ueberspielen.

Und um von seinem Gesundheitszustand abzulenken, fragte Sheppard:

 

"Wer von Euch ist auf die glorreiche Idee mit der Handgranate gekommen?"

 

"Das war Rodney," antwortete Ronon schnell, wobei er den Kanadier fast ein wenig bewundernd angrinste.

 

"Nun ja, ich hab das mal in einem Film gesehen," erklaerte dieser ungewoehnlich bescheiden.

 

"Bombenfischen! Klasse Idee, Rodney. Ehrlich!" meinte John und stiess einen kurzen anerkennenden Pfiff aus. Und tatsaechlich uebertuenchte nun angesichts dieses Lobes eine leichte Roete die Blaesse in McKays Gesicht. Als die anderen dies sahen, hallte ein befreiendes Gelaechter ueber den Fluss.

 

Das Floss war unterdessen weiter stromabwaerts getrieben, und die Berge waren zurueckgewichen, um einer weiten steppenaehnlichen Ebene Platz zu machen. Nur ein paar vereinzelte Waldstuecke unterbrachen diese ausgedehnte Flaeche, die bis an ein Gebirge am Horizont heranzureichen schien.

 

"Ich weiss ja nicht, wie es Euch geht, aber ich verspuere den unsaeglichen Drang nach festem Boden unter meinen Fuessen," meinte John. "Wir sollten zusehen, dass wir an Land kommen, oder?"

Und an diesem Vorschlag hatte nun wirklich keiner von ihnen etwas auszusetzen. So manoevrierten sie ihr Gefaehrt mit Hilfe der Paddel, die sie in weiser Voraussicht ebenfalls gesichert hatten, ans Ufer.

 

 

Seit Mulak erwacht war, starrte er Sheppard aus unglaeubigen Augen an, wie ein hypnotisiertes Kaninchen vor der Schlange konnte er seinen Blick nicht von dem Mann wenden, der ihn gerettet hatte, und das obwohl er ihn nur ein paar Stunden zuvor schwer verletzt hatte.

Auch John waren dessen Blicke nicht entgangen und er ahnte, was sie bedeuteten, aber im Moment verspuerte er nicht geringste Lust, sich mit dem Eingeborenen auseinander zu setzen. Er war muede und erschoepft wie selten in seinem Leben. Auch wenn er es den anderen gegenueber nie zugegeben haette, hatte ihn dieser Tag mehr mitgenommen, als er sich eingestehen wollte oder durfte. Sie hatten auf diesem Planeten schon so vielen Gefahren ins Auge geblickt, dass es wirklich einem Wunder gleichkam, dass sie ueberhaupt noch am Leben waren. Und er fragte sich wahrscheinlich zum hundersten Male, was wohl noch auf sie zukommen wuerde und ob er sein Team -seine Freunde- auch weiterhin beschuetzen konnte. Er hatte die Verantwortung fuer sie, doch war er sich langsam nicht mehr sicher, ob er dieser auch weiterhin gerecht werden konnte. Und noch eine andere Frage draengte sich erneut in seine Gedankengaenge...

Warum nur geschah dies alles? Zu welchem Zweck hatte man sie hier auf diesem Planeten ausgesetzt? Steckte ueberhaupt ein Zweck dahinter oder geschah dies alles nur aus der kranken Lust heraus, sie quaelen zu wollen?

Er seufzte leise auf. Es war in diesem Augenblick muessig, sich darueber Gedanken zu machen, zumal er seine Fragen nicht im Ansatz beantworten konnte. Er hoffte nur, dass sie in dieser ominoesen Stadt der Priester mehr erfahren wuerden, zumindest aber den Weg zu diesem Tor, von dem Mulak gesprochen hatte und von dem sie hofften, dass es ein Stargate war.

Und er schwor sich insgeheim, sollte er den Wesen, die ihm und seinen Freunden das angetan hatten, jemals gegenueber stehen, mussten sie ihm schon eine sehr gute Erklaerung liefern, um ihn daran zu hindern, gewisse, nicht sehr erfreuliche Massnahmen zu ergreifen. Und mit einem leicht grimmigen Laecheln hob er den Kopf. Er wollte jetzt einfach nur an dem kleinen Feuer, das sie entfacht hatten, sitzen und seinen Freunden zuhoeren, die sich fast uebermuetig unterhielten.

 

Nachdem Teyla abermals seine Wunde versorgt hatte, wollte Ronon mehr von diesen Filmen von der Erde wissen. Er fragte Rodney foermlich Loecher in den Bauch, anscheinend hatte er seine Vorurteile diesem Kasten gegenueber, vor dem die Menschen Stunden ihrer Zeit verbrachten, abgelegt, angesichts der Tatsache, dass dort solch lebensrettende Dinge wie das Fischen mit Handgranaten gelehrt wurden.

Und Rodney schien sich in seiner Rolle als Fernseh-Missionar wohl zu fuehlen, zumal er ganz offensichtlich die leise Bewunderung des Satedaners genoss.

Und fast gegen seinen Willen musste John grinsen, man haette denken koennen, sie waeren auf dem Festland ihres Heimatplaneten, um ein nettes kleines Picknick in lockerer Atmospaere zu veranstalten. Jedoch hielten ihn die Schmerzen in seiner Seite und die bohrenden Blicke des Einheimischen davon ab, diesem Gedanken zu sehr zu verfallen.

Und nachdem er sich ein weiteres Mal zur Seite gedreht hatte, nur um wieder in die grossen, schwarzen Augen des Jungen, die ihn unverwandt anstarrten, zu schauen, war seine Geduld am Ende.

 

"Was ist los?" fragte er unwirsch und etwas lauter als beabsichtigt.

 

Schlagartig verstummten die Gespraeche. Verwundert sahen Teyla, Ronon und Rodney ihn an, sie hatten den Colonel selten so aufbrausend erlebt.

Mulak hingegen wirkte nicht ueberrascht, ganz im Gegenteil schien er nur auf eine Aufforderung seinerseits gewartet zu haben, um endlich reden zu duerfen.

 

"Du... Du... hast mich gerrettet, obwohl ich Dich verrletzt habe. Warrum hast Du das getan?"

 

Verbluefft blinzelte Sheppard den Eingeborenen an. Er war verwirrt. Warum er das getan hatte? Was sollte diese Frage? Haette er ihn ertrinken lassen sollen?

Und ploetzlich sah er den jungen Mann vor sich mit anderen Augen. Ihm wurde bewusst, dass dieser in einer Welt aufgewachsen sein musste, in der Begriffe wie Freundschaft und Fuereinander-da-sein nicht viel zaehlten, oder in der man sich nicht viel um ein Menschleben scherte. Und jetzt verstand er auch besser, was Mulak in der Nacht zu dieser unueberlegten Tat bewogen hatte. Dieser Junge hatte niemals echtes Vertrauen erfahren duerfen. Und im Stillen musste er laecheln, vielleicht konnten sie dieser grausamen Welt doch etwas Gutes abringen, und wenn es einzig das war, diesem Jungen zu zeigen, was es hiess, Freunde zu haben, auf die man zaehlen konnte.

Aber laut antwortete er nur:

 

"Dort, wo wir herkommen, lassen wir niemanden zurueck."

 

Mulak schien diese Antwort ein wenig zu irritieren, aber dennoch nickte er langsam und meinte:

 

"Dirr verdanke ich mein Leben, und deshalb soll es von nun an Dirr gehoerren."

Bei diesen Worten kniete er sich vor John hin und machte eine Geste, als ob er ihm sein Herz ueberreichen wuerde.

Verlegen lachend wehrte dieser ab.

 

"Hey, nun mach' mal halblang. Mir wuerde es schon reichen, wenn du in Zukunft darauf verzichten koenntest, uns ermorden zu wollen," meinte John mit einem schiefen Grinsen im Gesicht. Ihm war das Verhalten des Eingeborenen unangenehm, und das bemerkten auch seine Freunde, die ihn nun ihrerseits herausfordernd, aber mit lachenden Augen ansahen.

 

"Was? Was ist?"

 

"Nichts," antwortete Rodney, doch dabei zuckten seine Mundwinkel verdaechtig. Schnell wandte er sich ab und verwickelte Ronon und Teyla wieder in ein Gespraech ueber seine Lieblingsfilme.

 

'Na toll,' dachte John. 'Wenn es darum geht, Euer Leben zu retten, bin ich gut genug, aber wenn ich mal Hilfe brauche.... schoene Freunde seid Ihr!' doch ein Schmunzeln konnte auch er sich nicht verkneifen.

Dann drehte er sich wieder zu Mulak um, der noch immer demuetig vor ihm kniete, ergriff seine Arme und zog ihn nach oben.

 

"Hoer zu, Du brauchst mir weder Dein Leben zu schenken noch mir in irgendeiner Form zu dienen," sagte er eindringlich. "Aber wenn Du uns den Weg in diese Priesterstadt zeigen koenntest, waere ich... waeren wir," er betonte diese Worte vernehmlich und warf dem Rest seines Teams einen ironischen Seitenblick zu, "... Dir sehr dankbar."

 

Wie zu erwarten huschte ein kurzes aengstliches Aufflackern ueber dessen Gesicht, doch dann sagte er mit fester Stimme:

"Ja, ich werrde Euch fuehrren."

 

~~~

Es war der dritte Morgen, seitdem sie die Stromschnellen ueberwunden hatten, der sechste Tag auf dem Floss ueberhaupt, doch ihre Umgebung hatte sich, seit sie den letzten Gebirgszug hinter sich gelassen hatten, kaum veraendert. Obwohl sie an einigen Huegelketten und vereinzelten Waldstuecken vorbeigekommen waren, hinter denen sich aehnliche Rauchfahnen in den Himmel schraubten wie schon aus dem Dorf der Verdammten, war von der Stadt, zu der sie eigentlich wollten, nichts zu sehen.

 

Am Morgen nach ihrer rasanten Fahrt durch die Stromschnellen hatten sie zunaechst noch das Ruder des Flosses erneuert und waren dann wieder aufgebrochen. Es hatte eine recht geloeste Stimmung an Bord geherrscht. Mulak hatte ihnen, nachdem ihm bewusst geworden war, dass er die Fremden nicht laenger zu fuerchten brauchte, viel ueber seine Welt erzaehlt. Geschichten aus seinem Leben, aber auch Legenden und Anekdoten seines Volkes, und das Team aus Atlantis hatte diesen Ausfuehrungen gebannt gelauscht. Diese Welt mit all ihren Widrigkeiten und furchterregenden Geschoepfen war so verschieden von den Welten, die sie schon besucht hatten, dass sie sich immer wieder fragten, wie ein Volk hier ueberhaupt ueber die Jahrhunderte hinweg existieren konnte. Und mit der Zeit schlossen sie den jungen Eingeborenen, angesichts der lebensfeindlichen Umstaende, gegen die er sich schon hatte erwehren muessen, regelrecht in ihr Herz.

 

Doch waehrend sie nun einen weiteren Tag auf dem Floss verbringen sollten, ohne dass ihr Ziel in greifbare Naehe zu ruecken schien, wandelte sich ihre Stimmung. Eine unterdrueckte Nervositaet ergriff sie und vor allem McKays Laune bewegte sich gefaehrlich auf den absoluten Nullpunkt zu.

 

"Und Du bist Dir sicher, dass wir nicht schon laengst an dieser Stadt vorbei gefahren sind?" fragte er den Jungen muerrisch. "Ich meine mich naemlich zu erinnern, dass Du etwas von drei oder vier Tagen gesagt hast, die es brauchen wuerde, um dorthin zu gelangen. Nun sind es aber schon... lass mich kurz rechnen..." Rodney tat so, als ob er etwas auf einen imaginaeren Rechenschieber abzaehlen wuerde, "... oh ja, tatsaechlich... es sind schon sechs Tage auf diesem gottverdammten, schwankenden Stueck Holz!"

 

"Rodney!" fuhr Sheppard dazwischen, als er die verwirrte Miene des Eingeborenen bemerkte.

 

"Was ist?" herrschte der Kanadier jetzt John an. "Ich koennte doch Recht haben, oder etwa nicht? Wahrscheinlich weiss er noch nicht einmal, wo sich diese Stadt genau befindet... oder er hat sich mit der Zeitangabe total vertan, und es sind keine vier Tage, sondern vier Monate... oder..."

 

"McKay!" abermals unterbrach Sheppard den Redeschwall und deutete aber diesmal auf etwas hinter dessen Ruecken. "Und was wuerden Sie davon halten?"

 

Der Fluss hatte eine leichte Biegung vollzogen und gab jetzt den Blick auf eine groessere Ansammlung von Haeusern frei, die sich eng an die Rueckseite des letzten Huegels, den sie passiert hatten, schmiegten. Soweit sie erkennen konnten, waren diese Behausungen diesmal aus Steinen gebaut und auch die Befestigungsanlagen wirkten um einiges ausgefeilter, als das noch bei Mulaks Dorf der Fall gewesen war. Eine hohe Mauer umgab die Stadt, auf der sich etliche Wachen postiert hatten. Wahrscheinlich war ihr Floss schon vor geraumer Zeit entdeckt worden, denn die Wesen auf der Mauerkrone hatten ihre Speere erhoben und sahen dem Team angespannt entgegen.

 

"Na schoen, wir hatten ja sowieso nicht vor, uns wieder anzuschleichen," fluesterte John, obgleich es sehr unwahrscheinlich war, dass diese Wachen dort oben ihn hoeren konnten.

"Ich schlage vor, wir lassen Teyla reden. Das wirkt vielleicht beruhigender auf diese Leute."

 

"Uh... ich glaube, das waerre nicht so gut," warf Mulak leise ein.

 

"Warum nicht?" fragte Ronon.

 

"Frrauen haben in meinem Volk keine besonderrs gute Stellung, und der Hauptmann derr Wache wuerrde es wahrrscheinlich als Beleidigung empfinden, mit einerr Frrau rreden zu muessen," erklaerrte er fast ein wenig beschaemt. Ronon, Rodney und John sahen ihn daraufhin verbluefft an, waehrend Teyla nur die Augen verdrehte und ein leicht genervtes "Maenner!" ausstiess.

 

"Okay... dann rede ich," meinte Sheppard und machte sich daran, das Floss ans Ufer zu steuern.

 

"Aber seien Sie diplomatisch," fuegte Rodney hinzu.

 

"Ich bin immer diplomatisch, McKay," erwiderte John ironisch.

 

"Ich mein' ja nur..." murmelte dieser pikiert.

 

Nachdem sie ihr Gefaehrt am Ufer vertaeut hatten, gingen sie langsam aber zielstrebig auf die Stadt zu. Sie versuchten dabei einen moeglichst friedlichen und ungefaehrlichen Eindruck zu vermitteln, der aber Ronon nicht so recht gelingen wollte, als er die Wachen auf der Mauer grimmig anblickte.

 

"Laecheln Sie mal," wisperte John und nickte ihm dabei aufmunternd zu. Und tatsaechlich bemuehte sich der Satedaner, seine Lippen zu einem Laecheln zu bewegen. "Schon besser."

 

Als sie das grosse Tor in dem Wall schon fast erreicht hatten, erklang ueber ihren Koepfen eine Stimme:

 

"Werr seid Ihrr? Und was wollt Ihrr hierr?"

Offensichtlich war das starke Rollen des Rs eine Eigenart dieses Volkes. Sheppard sah hinauf und musterte den Mann, der sie angesprochen hatte kurz. Er trug im Gegensatz zu Mulak und den anderen Bewohnern dieses Planeten, die ihnen schon begegnet waren, ein Paar Hosen aus groben Stoff und einen schwarzen Umhang, einer Toga aehnlich, ueber der nackten Brust, die mit einer Brosche an der Schulter zusammengehalten wurde. Und zum ersten Mal sah er nun das Horn, das man Mulak als Zeichen seiner Verbannung abgenommen hatte. Unwillkuerlich musste er im ersten Moment an ein Einhorn denken, nur dass dieses hier anstatt auf der Stirn am Kinn der Wesen plaziert war. Es war gut fuenfzehn Zentimeter lang und lief wie ein Dolch spitz zu. Ein leichter Schauer rann John bei diesem Anblick den Ruecken hinunter. Irgendwie gab dieses Horn dem Mann dort oben ein gefaehrliches Aussehen, und er nahm sich vor, diese Wesen auf keinen Fall zu unterschaetzen.

 

"Wir sind Reisende aus einem fernen Land und erbitten eine Unterredung mit Euren Hohepriestern," antwortete er mit leicht erhobener Stimme.

 

Misstrauisch sah der Mann auf dem Wall auf die Fremden hinab. Sie waren ihm irgendwie suspekt, ihre Kleidung war mehr als sonderbar, und sie hatten eine Frau bei sich, die ein in seinen Augen unangemessenes Selbstbewusstsein ausstrahlte, und zudem einen der Verbannten.

Er runzelte irritiert die Stirn und fuhr sich in einer unbewussten Bewegung ueber sein Horn. Doch dann gab er mit einem Rucken seines Kopfes zu verstehen, dass man sie einlassen sollte. Schliesslich hatten die Hohepriester befohlen, jeden Fremden zu ihnen zu bringen.  

 

Das grosse, massive Tor oeffnete sich langsam und knarrend. Und mit einem etwas seltsamen Gefuehl in der Magengegend passierten die Atlanter und Mulak das Portal und betraten die Stadt.

Dort wurden sie schon von dem Mann erwartet, der sie zuvor angesprochen hatte. Wortlos gab er ihnen mit einem Wink seines Speeres zu verstehen, dass sie ihm folgen sollten.

Sie gingen eine Strasse entlang, in der sich eine Vielzahl dieser Wesen aufhielten. Scheinbar war sie so etwas wie eine Haupt- und auch Marktstrasse, denn ueberall wurden Waren feilgeboten. Fruechte, getrocknetes Fleisch, aber auch Alltagsgegenstaende wie Werkzeuge oder toenernde Gefaesse. 

Und man haette meinen sollen, dass es hier laut und geschwaetzig zugehen wuerde, doch die Ankunft der fremden Reisenden hatte dies wohl schlagartig geaendert. Ueberall standen die Wesen in kleinen Gruppen zusammen und fluesterten aufgeregt miteinander oder starrten sie nur aus grossen Augen an, und der ein oder andere zeigte mit dem Finger auf die Neuankoemmlinge.

 

Sheppard versuchte zu einigen der Bewohner Blickkontakt aufzubauen, um ihnen ein freundliches Laecheln zu schenken, aber jedes Mal, wenn er einen von ihnen ansah, schaute dieser verschreckt zur Seite. Und so gab er es bald auf.

 

"Die scheinen hier nicht oft Besuch zu bekommen," meinte Rodney nervoes. "Oder meinen Sie, die reagieren speziell nur auf uns so merkwuerdig?" und schaute John dabei verunsichert an. Doch dieser zuckte nur mit den Schultern. Was haette er darauf auch antworten sollen? Er wusste ja selbst nicht, was er ueber dieses Verhalten denken sollte.

Teyla hingegen spuerte immer wieder boese, beinahe verachtene Blicke auf sich ruhen. Mulak schien mit seiner Einschaetzung, was diese Leute von Frauen hielten, Recht zu haben. Sie fuehlte sich sehr unwohl in ihrer Haut und war froh, als die Strasse einen Bogen beschrieb und ein Tempel in ihr Sichtfeld rueckte, den sie ganz offensichtlich ansteuerten. 

Das Gebaeude, von dem sie ausgingen, dass es der Tempel der Priester war, befand sich inmitten eines weitlaeufigen, freien Platzes, fast so, als dulde es keine weiteren Gebaeude in seiner unmittelbaren Umgebung.

Es war aus grossen, quaderfoermigen Steinen errichtet und an seiner Front wuchsen vier maechtige Saeulen bis zum Dach hinauf. Ein klein wenig erinnerte sein Aufbau an die Tempel der alten Griechen.

 

Der Wachhabene fuehrte sie ueber eine kurze Treppe direkt zu dem Eingang. Nachdem er sich mit einem schnellen Blick vergewissert hatte, dass sie alle hinter ihm waren, betrat er den Tempel. Die vier Menschen und der junge Einheimische folgten ihm in das Heiligtum. Im Inneren war es dunkel und seltsam stickig, obwohl es keine Eingangstuer gab und somit eigentlich fuer einen ausreichenden Luftaustausch gesorgt sein sollte.

Die einzigen Lichtquellen in dem Gebaeude waren ein paar auf Podesten angeordnete Schalen, in denen Feuer brannten, die die Umgebung in ein flackerndes Zwielicht tauchten.

An der Stirnseite dieses hallenaehnlichen Raumes, der ebenfalls mit etlichen Saeulen durchsetzt war, befanden sich fuenf steinernde Sitze, von denen aber im Moment nur einer besetzt war.

Auf dem thronaehnlichen Gebilde sass ein Mann in einem flammend roten Umhang. Sein Horn war mit goldenen Ringen geschmueckt und auch auf seinem Kopf befand sich ein Ring aus einem goldfarbenen Metall. Und da dieser den mittleren der fuenf Throne benutzte, kam Sheppard zu dem Schluss, dass es sich hierbei wohl um den Obersten der Hohepriester handeln musste, von denen es anscheinend fuenf insgesamt gab.

Eine Bewegung zu seiner Rechten riss ihn aus seinen Gedanken. Der Mann, der sie hergefuehrt hatte, kniete sich in diesem Moment vor dem Priester hin und begann mit unterwuerfiger Stimme zu sprechen:

 

"Oh, maechtigerr Shei’Dan! Dies sind die Frrem....." doch wurde er abrupt durch eine harsche Handbewegung des Mannes auf dem Thron unterbrochen.

 

"Die Goetterr haben mirr berreits von Eurrerr Ankunft berrichtet," erklaerte der Hohepriester wuerdevoll und erhob sich langsam von seinem Stuhl.

 

"So nen Bloedsinn!" ereiferte sich McKay leise. "Da ist einer vorgelaufen und hat Bescheid gesagt!"

 

"Rodney!" zischte John durch den Mundwinkel und warf dem Kanadier einen warnenden Blick zu.

 

Der alte Mann liess seinen Blick hoheitsvoll ueber die Neuankoemmlinge wandern. Zumindest vermutete John, dass dieser Mann alt sein musste, denn durch die fehlende Behaarung dieses Volkes konnte man das Alter der Wesen nicht an der Farbe derselben festmachen. Doch war dessen Gesicht ein Meer aus Falten und Runzeln, was seine Annahme wohl bestaetigte.

Ploetzlich stockte der Priester in seiner Musterung der Fremden, als er Mulak als einen der Verbannten erkannte und eine tiefe Zornesfalte bildete sich auf seiner Stirn.

 

"Wie kannst Du es wagen...?" erboste er sich. "Wache! Entferne diesen da sofort aus dem Tempel und wirf ihn in den Kerker. Ich werde mir spaeter eine gebuehrende Strafe fuer seinen Frevel ueberlegen."

 

"Nein!" entgegnete Sheppard entschieden und stellte sich vor den Eingeborenen. "Er steht unter unserem Schutz. Er hat uns zu Euch gefuehrt, und ohne seine Hilfe waeren wir vermutlich nicht einmal mehr am Leben. Eure Gesetze erlauben Euch in so einem Fall doch sicherlich mal eine Ausnahme, nicht wahr?" fuegte er hinzu und schenkte dem Priester ein gewinnendes Laecheln.

Fuer einen kurzen Moment verzog sich dessen Gesicht zu einer wuetenden Grimasse und seine Augen blitzten gefaehrlich auf, doch fast sofort glaetteten sich seine Gesichtszuege wieder und ein maskenhaftes Laecheln umspielte seine Lippen.

 

"Ganz wie Ihrr wuenscht..." lenkte der Priester mit unterkuehlter Stimme ein.

tbc

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