chayiana (chayiana) wrote,
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Nach diesen Worten sah Sheppard seine Freunde nachdenklich an. Diese Information konnte eventuell der entscheidene Hinweis darauf sein, dass es auf diesem Planeten doch ein Stargate gab. Wenigstens war dies ueberhaupt ein Anhaltspunkt. Stumm kamen sie ueberein, dass ihr naechstes Ziel die Stadt dieser Auserwaehlten sein musste.

 

"Du hast gesagt, dass diese Auserwaehlten in einer Stadt hinter den Bergen leben," sagte Teyla jetzt. "Wie weit ist es bis dorthin?"

 

"Drrei oder vierr Lichtwechsel wie das Wasser fliesst," antwortete Mulak.

 

"Und dieser Donnerberg? Befindet er sich auch in diesem Gebirge, das wir von hier aus sehen koennen?"

 

"Nein. Err soll sich in den Berrgen derr Goetterr befinden, weit hinterr derr Stadt," gab der junge Eingeborene nun zoegernd Auskunft. Sie mussten solche Sachen doch wissen.

 

"Hoer zu, Maluk, wir muessen dringend mit diesen Hohepriestern reden," mischte sich McKay nun eifrig in das Gespraech mit ein. "Wie kommen wir am besten zu ihrer Stadt?"

 

"Es gibt einen schmalen Pfad ueberr die Berrge, ueberr den ich herrgebrracht wurrde, doch derr ist lang und beschwerrlich."

 

"Oh... und es gibt keinen anderen Weg?" hakte er merklich enttaeuscht nach.

 

"Wirr bauen manchmal Flosse, wenn wirr den Fluss befahrren wollen."

 

"Das ist es!" meinte Rodney freudig und begann heftig mit Fingern zu schnipsen. "Wir bauen uns ein Floss und sind dann schon bald ohne groessere Anstrengungen am Ziel."

 

"Sie meinen, ohne dass Sie viel laufen muessen, richtig?" zog John ihn auf, doch auch er musste zugeben, dass diese Art der Fortbewegung wahrscheinlich die bequemste war.

"Dann ist also beschlossene Sache. Ab morgen gehen wir unter die Seefahrer... oder Flussfahrer... oder wie auch immer..." meinte er grinsend. "Aber jetzt sollten wir wohl alle erstmal ein wenig schlafen."

 

Sie teilten wie schon in der Nacht zuvor die Wachen ein. Eine reine Vorsichtsmassnahme, denn auch diese Nacht blieb erstaunlicherweise wieder ruhig.

 

Am naechsten Morgen beschlossen sie zunaechst noch etwas Abstand zwischen sich und dem Dorf der Verbannten zu bringen. Auf dem Weg sammelten sie diverse Fruechte und Wurzeln. Mulak war ihnen in diesem Fall eine grosse Hilfe, denn niemals haette John in Erwaegung gezogen, in eine dieser schwarzen mit seltsam schleimigen Auswuechsen versehenen Fruechte zu beissen, die ganz entgegen seiner Erwartung sehr suess und aromatisch schmeckte. Andere Fruechte hingegen, die vielmehr an rote, knackige Aepfel von der Erde erinnerten, sollten nach dessen Auskunft hoechst giftig sein oder zumindest denjenigen, der sie ass, fuer die naechsten Stunden an ein einsames Gebuesch fesseln.

 

Auch als sie spaeter an einer geschuetzen und nicht von weither einsehbaren Stelle begannen, Plaene fuer ihr Floss zu schmieden, erwies sich Mulaks Hilfe als goldwert.

Waere er nicht gewesen, haetten sie hoechstwahrscheinlich die falschen Baeume ausgewaehlt, die wie Steine im Wasser versunken waeren. Mulak zeigte ihnen, welche Staemme sich am besten fuer den Flossbau eigneten. Auch half er nun, nachdem ihm langsam klar wurde, dass diese fremden Goetter nicht vorhatten, ihn zu toeten, eifrig bei dem Bau passender Werkzeuge und dem Faellen der Baeume mit.

Und selbst McKay musste sich mehr als nur einmal eingestehen, dass dessen Hilfe, was zum Beispiel das Vertaeuen der Baumstaemme anging, doch recht nuetzlich war.

Ihm selbst lag das Handwerkliche nicht so, er war vielmehr der Theoretiker, der jede Maschine, die man ihm vorsetzte, aufgrund seines genialen Verstandes wieder zum Laufen brachte.

Und bei diesem Gedanken musste er ploetzlich grinsen. Sheppard, der sich gerade eine kleine Verschnaufpause goennte und einen Schluck Wasser trank, sah ihn fragend an.

 

"Was ist so komisch?" wollte er wissen.

 

"Ich musste nur gerade daran denken, was Elizabeth gesagt hat, als wir durch das Tor gingen: 'Rodney, ich untersage Ihnen hiermit ausdruecklich, irgendwelche Geraete in Betrieb zu nehmen' " ahmte er ihre Stimme nach. "Nun, ich glaube kaum, dass ich auf diesem Planeten in Versuchung gefuehrt werde, oder?"

 

"Nein, vermutlich nicht," bestaetigte John schmunzelnd. Er war froh, dass McKay ihr Abenteuer wieder mit etwas mehr Humor betrachtete und der mutlose Ausdruck auf seinem Gesicht fast gaenzlich verschwunden war.

 

Am spaeten Nachmittag hatten sie ihr Werk vollendet. Nicht ohne Stolz sahen sich die Menschen diese klobige und zugegeben recht haessliche Konstruktion an, die fuer die nachste Zeit ihr Fortbewegungsmittel werden wuerde.

Das Gefaehrt war etwa vier Meter breit und fuenf Meter lang und besass sogar ein Ruder, das es ihnen ermoeglichen sollte, das Floss, wenn auch eingeschraenkt, steuern zu koennen. Momentan lag es an einem der Felsen, die das Ufer saeumten, vertaeut und duempelte leicht in der Stroemung des Flusses vor sich hin. Sie hatten es zudem mit einer ganzen Reihe von Lianen ausgestattet, die als Sicherung dienen sollten. Aus Mulaks Beschreibung ueber den Verlauf des Stromes, hatten sie heraushoeren koennen, dass es, wenn der Fluss das Gebirge passierte, einige vielleicht nicht ganz ungefaehrliche Stromschnellen geben wuerde. Mit den Lianen wollten sie sich dann an das Floss binden, so dass moeglichst keiner von ihnen ueber Bord gespuelt wuerde.

Ermattet von der anstrengenden Arbeit des Tages verstauten sie noch den Proviant, der aus Fruechten, Wurzeln und restlichen Stuecken des gebratenen Fleisches, das von ihrem Mittagessen herruehrte, bestand, auf dem Floss und legten sich dann erschoepft schlafen. Und das erste Mal, seitdem es sie auf diesen Planeten verschlagen hatte, schlief jeder von ihnen traumlos durch.

 

Nur Mulak lag noch etwas laenger wach und gruebelte ueber die fremden Goetter nach. Sicher, sie waren freundlich zu ihm. Und auch schienen sie ueber seine Hilfe wirklich dankbar zu sein. Sogar der sonst so muerrisch dreinblickende Rodney McKay hatte ihn heute einige Male angelaechelt. Aber dennoch war irgendetwas merkwuerdig an diesen vermeintlichen Goettern. Wieso wussten sie so wenig ueber seine Welt? Wieso hatte der simple Bau eines Flosses sie so sehr angestrengt? Sie so sehr zermuerbt? Erste Zweifel keimten in ihm auf, die er aber sogleich niederkaempfte. Diese Wesen waren Goetter! Sie mussten es sein! Er hatte sie kaempfen sehen, hatte gesehen, wie sie sich gegenueber dem Schamanen behauptet hatten. Wie sie sich das Feuer Untertan gemacht hatten. Wer sonst ausser wahren Goettern koennte so etwas vollbringen? Und insgeheim ruegte er sich fuer seine toerichten Gedanken. Er wuerde keine weiteren Zweifel in seinem Geist dulden. Und mit diesem Vorsatz schlief auch er endlich ein.

 

Am naechsten Morgen brachen sie schon sehr frueh auf. Doch die ersten Momente auf ihrem neuen Gefaehrt trieben ihnen schon wieder den Schweiss auf die Stirn. Es dauerte eine ganze Weile, bis sie endlich die Eigenarten dieses widerspenstigen Monstrums erkannt hatten und in der Lage waren, es zielgerichtet zu steuern. Das Floss bewegte sich sehr schwerfaellig in der Stroemung, doch irgendwann hatten sie den Dreh raus. Zumal sie bald bemerkten, dass es, solange sie es in der Mitte des Flusses hielten, ihren Steuerversuchen bereitwilliger folgte als am Rande.

Und gegen Mittag hatten sie sich soweit eingespielt, dass immer nur zwei von ihnen noetig waren, um das Floss zu fuehren.

 

Im Moment war es an Ronon und Rodney, ihr Gefaehrt auf Kurs zu halten. Wobei sich Ronon offenbar einen Spass daraus zu machen schien, nur so zu tun, als ob er das Ruder mit aller Kraft halten wuerde. Somit blieb die ganze Arbeit mehr oder weniger an Rodney haengen, dem auch folgerichtig schon wieder der Schweiss von der Stirn tropfte.

John warf Teyla, die das Geschehen ebenfalls beobachtete, einen verschwoererischen Blick zu. Sie nickte laechelnd, denn sie wussten beide, sollte es irgendein Problem geben, waere Ronon auf jeden Fall zur Stelle. Bis dahin durfte sich Rodney ruhig ein wenig abschuften.

Mulak hingegen, der den seltsamen Humor dahinter nicht erkannte, blickte stirnrunzelnd auf den Mann, der dort mit zusammengepressten Lippen am Ruder sass und sich abmuehte.

 

"Nun, Mulak, was wirst Du jetzt tun? Ich meine, gibt es einen Ort, an den Du gehen kannst?" sprach ihn John jetzt an.

 

"Ihrr wollt mich frreilassen?" entgegnete dieser verbluefft.

 

"Du bist doch nicht unser Gefangener," erwiderte Sheppard schnell. "Wir hatten lediglich gehofft, dass Du uns fuehren wirst und uns zu dieser Stadt bringst. Und ich glaube kaum, dass Du wieder zurueck in Dein Dorf kannst. Versteh mich nicht falsch, aber ich hatte das Gefuehl, als wenn sie Deine Gesellschaft nicht unbedingt schaetzen wuerden."

 

Der junge Eingeborene sah ihn einen Moment verwirrt an, scheinbar konnte er dem etwas subtilen Humor des Colonels nicht ganz folgen. Aber eine Sache hatte er verstanden...

 

"Nein! Das kann ich nicht," sagte er mit zitternder Stimme. "Ich kann Euch nicht in die Stadt bringen. Sie wuerden mich toeten. Ich bin ein Verbannter!" die letzten Worte hatte er beinahe geschrieen.

 

"Beruhige Dich. Niemand wird Dich toeten. Dafuer werden wir schon sorgen. Wir werden Dich beschuetzen," erklaerte Sheppard bestimmt. "Du glaubst doch, dass wir das koennen, nicht wahr? Ich meine, Du hast gesehen, wozu wir in der Lage sind," redete er weiter, fast beschwoerend, auf den Jungen ein. Ihm war klar, dass sich ihre Chancen, diese Welt zu ueberleben, ohne den Einheimischen drastisch reduzieren wuerden.

"Also, was sagst Du?"

 

Mulak schaute ihn aus dunklen, angsterfuellten Augen an, doch dann nickte er zoegernd.

 

"Fein," sagte John und laechelte erleichtert, bevor er sich erhob und vorsichtig balancierend auf das Heck des Flosses zuging, um Rodney endlich zu erloesen.

Doch von dort beobachtete er Mulak weiter. Der Junge wirkte jetzt irgendwie nervoeser als zuvor, seine Haende ballten sich immer wieder zu Faeusten und sein Gesichtsausdruck wechselte fortwaehrend zwischen wilder Entschloessenheit und angstvoller Demut hin und her. Hoffentlich verlangten sie nicht doch zu viel von ihm.

 

Als sie ihre schwimmende Plattform am Abend an das Ufer steuerten, waren sie alle trotz der vermeintlich bequemen Fortbewegungsart am Rande der Erschoepfung. Die Schwierigkeit und die damit verbundene Anstrengung, dieses schwerfaellige Etwas auf Kurs zu halten, hatten sie wohl eindeutig unterschaetzt. Sie machten sich an diesem Abend noch nicht einmal die Muehe, Holz zu sammeln und ein Feuer zu entzuenden, sondern legten sich direkt am Strand im Schutz einiger hoher Felsbrocken schlafen. Nur John konnte trotz der bleiernden Muedigkeit, die seinen Koerper befallen hatte, keine Ruhe finden. Da war etwas in seinem Inneren, das ihn davon abhielt, einfach die Augen zu schliessen und es seinen Freunden gleich zu tun. Eine dunkle Vorahnung nagte an seinem Geist.

 

Und tatsaechlich gab auch jemand anderes nur vor zu schlafen.

 

Mulaks Gedanken wirbelten seit dem Gespraech mit dem Fremden namens John Sheppard ungeordnet in seinem Kopf umher. Er hatte schreckliche Angst davor, in die Stadt, die ihn einst verstossen hatte, zurueckzukehren. Auch wenn der Mann gesagt hatte, dass er keine Angst haben muesste, dass sie ihn beschuetzen wurden, war er sich nicht mehr sicher, dass sie das auch tun konnten oder auch wirklich tun wuerden.

Ein kleiner, schlauer Teil seines Bewusstseins hatte sehr wohl erkannt, dass sie auf seine Hilfe angewiesen waren. Aber wie konnte das sein? Sie waren Goetter. Und Goetter brauchten niemandens Hilfe. Und wenn doch, so waren es keine Goetter.

Und dann erinnerte er sich an den angestrengten Gesichtsausdruck desjenigen, den sie Rodney nannten. Wie konnte es sein, dass ein Gott so viel Muehe damit hatte, ein Floss zu steuern? Und ausserdem war dieser sogar verwundet worden. Er hatte das Blut, das aus der Wunde geflossen war, selbst gesehen. Dunkelrot, wie sein eigenes.

Aber Goetter konnten nicht bluten.

Und allmaehlich besiegten seine Zweifel den Glauben an diese Goetter und in ihm reifte ein verhaengnisvoller Plan.

 

~~~

 

Rodney war schon neben einem der Felsen am Ufer eingeschlafen, noch bevor er wirklich gelegen hatte. Die Strapatzen der letzten Tage hatten seinen Koerper an den Rand seiner Leistungsfaehigkeit gebracht. Dazu kam der in seinen Augen immense Blutverlust, den er durch die Verletzung des Speeres erlitten hatte. Und so war es kein Wunder, dass er noch vor allen anderen im Land der Traeume weilte.

Doch schon nach einer kurzen Weile, signalisierte ihm der instinktive Teil seines Unterbewusstseins, dass etwas nicht in Ordnung war. Und fast gegen den Willen seines bewussten Seins oeffnete er daraufhin die Augen und gewahrte einen Schatten ueber sich. Er blinzelte kurz unglaeubig, als er im blassen Schein der Monde ein Messer aufblitzen sah. Als er sich jedoch letztendlich der Gefahr bewusst wurde, war es fast zu spaet.

Ein markerschuetternder Schrei entrang sich seiner Kehle, als das Messer auf ihn hernieder fuhr.

 

Doch ploetzlich war da ein zweiter Schatten an seiner Seite, der den ersten von ihm wegriss.

Voellig verwirrt richtete McKay sich auf und sah, wie Sheppard mit dem Eingeborenen rang. Sie rollten, einem Knaeuel aus Armen und Beinen gleich, ueber den Boden. Auf einmal hoerte Rodney ein kurzes, schmerzerfuelltes Keuchen. Er sah, wie John von dem anderen Mann wegrueckte und dann leicht taumelnd auf die Beine kam, wobei er die rechte Hand auf eine Stelle etwas oberhalb seiner Huefte presste. In der linken hielt er das Messer, das, wie Rodney entgeistert feststellen musste, als er unbewusst danach tastete, sein eigenes war.

Und selbst in dem fahl silbrigen Licht der Nacht konnte er das zornige Funkeln in Sheppards Augen erkennen, als er Mulak anherrschte:

 

"Koenntest Du mir bitte mal erklaeren, was das sollte? Wenn ich mich recht erinnere, haben wir Dich aus einer ziemlich misslichen Lage befreit, und so dankst Du es uns? Indem Du versuchst, Rodney zu toeten?" seine Stimme war wuetend, doch sein Gesicht schmerzverzerrt.

 

Und als Ronon, der zusammen mit Teyla durch den Tumult aufgeweckt worden war, dies erkannte, wollte er sich auch sofort auf Mulak stuerzen.

Doch Sheppard hielt ihn zurueck.

"Nein!"

 

"Aber er hat Sie angegriffen, er hat Sie verletzt!" entgegnete der Satedaner grimmig.

 

"Das ist nichts. Nur ein Kratzer," erwiderte John, doch sein Laecheln dazu fiel etwas gequaelt aus.

 

"Ich denke nicht, dass es sich dabei nur um einen Kratzer handelt, Colonel," warf jetzt auch Teyla etwas irritiert und besorgt ein.

 

Doch Sheppard liess sich nicht beirren. Seine Wut war, so schnell sie gekommen war, auch wieder verraucht, als er auf den wie Espenlaub zitternden Jungen am Boden hinunterblickte. Wahrscheinlich hatten sie ihm doch zuviel zugemutet.

Der Gedanke, sie in eine Stadt fuehren zu muessen, dessen Bewohner ihn lieber tot als lebendig sehen wollten, musste zu viel fuer sein einfaches Gemuet gewesen sein. Er empfand in diesem Augenblick fast schon ein wenig Mitleid fuer den jungen Eingeborenen, auch wenn der Schmerz in seiner Seite ihn vom Gegenteil ueberzeugen wollte.

 

Mulaks Blick hingegen hing wie erstarrt an den vier Fremden, die sich jetzt aus seiner Sicht bedrohlich vor ihm aufgebaut hatten. Was hatte er sich nur dabei gedacht? Hatte er wirklich geglaubt, er koenne es mit Goettern aufnehmen? Und selbst, wenn sie doch keine Goetter sein sollten, so waren es doch sehr maechtige Wesen. Das hatten sie ihm erst jetzt gerade wieder bewiesen. Wie hatte er nur glauben koennen, dass sein Plan zu irgendeinem Zeitpunkt Sinn ergeben haette? Dieser Plan, sich von dem vermeintlich schwaechsten Mitglied der Gruppe das Messer anzueignen und sich dann klammheimlich davonzustehlen, war von Anfang an zum Scheitern verurteilt gewesen. Natuerlich hatte der Fremde seine Anwesenheit gespuert. Doch was er, Mulak, dann bereit gewesen war zu tun, als dieser erwacht war, liess ihn jetzt noch erschaudern. Er hatte ihn tatsaechlich toeten wollen, so ueberrasscht war er gewesen, als Rodney ploetzlich die Augen geoeffnet hatte. Und fuer dieses Vergehen wuerde er jetzt die Konsequenzen tragen muessen. Sie wuerden ihn unweigerlich toeten. Sie mussten ihn toeten, denn nichts anderes hatte er verdient.

Und er war so sehr in seine eigenen mutlosen Gedanken vertieft, dass er zunaechst gar nicht bemerkte, wie Sheppard ihn ansprach.

 

"Mulak? Hey... hoerst Du mir ueberhaupt zu?" langsam drang die Stimme von John Sheppard in sein Bewusstsein durch und er drehte langsam den Kopf in dessen Richtung, wobei seine Augen noch immer nervoes hin und her huschten.

 

"Warum hast Du das getan?" fragte John nun zum wiederholten Male, doch seine Stimme hatte dabei einen fast sanften Klang angenommen. Und endlich zeigte dieser eine Reaktion. Beinahe lautlos fluesterte er:

 

"A...Angst..."

 

Und dieses eine Wort sagte John mehr, als es eine ausfuehrliche Erklaerung jemals haette tun koennen. Er nickte nur verstehend und sah dann seine Freunde an, die ihn weiterhin irritiert musterten.

 

"Also, mir reicht das," meinte er leichthin. Ronon und Teyla runzelten verwirrt die Stirn, sie schienen mit der Entscheidung, die Sheppard da ohne viele Worte gefaellt hatte, nicht einverstanden zu sein. Doch seltsamerweise war es diesmal Rodney, der das Blatt zugunsten des Einheimischen wendete.

 

"Ich werde Dir auch verzeihen," sagte er mit fester Stimme, denn wie kein anderer hier konnte er Mulak nachempfinden, was es hiess, Angst zu haben und Dinge tun zu muessen, vor denen man sich fuerchtete.

 

"Du hast es gehoert, Mulak," meinte Sheppard zu dem Jungen. "Wir werden Dir nichts tun, keiner von uns!" dabei warf er Ronon einen kurzen, aber eindringlichen Seitenblick zu.

"Aber Du wirst sicher verstehen, dass wir Dir von nun an Fesseln anlegen muessen, bis wir Dir wieder vertrauen koennen, nicht wahr?"

 

Mulak, der sein Glueck kaum fassen konnte, liess sich widerstandslos seine Haende und Fuesse mit Lianen binden. Doch sah er sie dabei nicht an, Scham und noch immer grenzenlose Angst hielten seinen Blick fest auf den Boden gerichtet.

 

Nach diesem Zwischenfall war an Schlaf in dieser Nacht kaum noch zu denken. Und nachdem Teyla Johns Wunde versorgt hatte, wobei sie mit einem halben Laecheln bemerkt hatte, dass ihnen, wenn sie so weitermachten, bald die Verbaende ausgehen wuerden, sassen sie noch lange beisammen und sprachen ueber das Erlebte. Vor allem Ronon brauchte noch eine ganze Weile, um Sheppards Entscheidung zu akzeptieren. Teyla hingegen war schon sehr bald klar geworden, dass sie das einzig Richtige getan hatten.

Und erst in den fruehen Morgenstunden fielen sie in einen unruhigen Schlaf, aus dem sie allzu schnell wieder erwachten, weil die unbarmherzige Sonne dieses Planeten sie mit ihren bohrenden Strahlen marterte.

Nach einem kargen Fruehstueck, bestehend aus ein paar der merkwuerdig aussehenden schwarzen Fruechte und ein paar Schlucken Wasser, das nicht annaehrend ausreichte, um ihre verlorengegangenen Kraftreserven wieder aufzufuellen, machten sie sich erneut auf den Weg. Ausgelaugt, wie sie waren, schien das Floss heute noch schwerfaelliger und behaebiger zu reagieren als am Vortag, und sie hatten alle Muehe, es auf Kurs zu halten.

 

Mulak hatten sie zwar die Fussbinden entfernt, aber seine Haende liessen sie vorsichtshalber noch gefesselt. Doch es schien, als wenn sich der Junge nun vollkommen in sein Schicksal ergeben haette. Mit fast entspanntem Gesichtsausdruck sass er in der Mitte der Plattform und schaute auf den Fluss hinunter. Nur wenn man ihn ansprach, zuckte er noch zusammen, und die bekannte Nervositaet trat wieder in seine Augen.

 

Am Abend hatten sie dann aber doch ein gutes Stueck auf ihrem Weg zurueckgelegt. Die Berge, die sie vorher nur aus weiter Ferne gesehen hatten, ragten mittlerweile drohend vor ihnen auf. Und auch begann der Strom allmaehlich seine Fliessgeschwindigkeit zu erhoehen, was darauf hindeutete, dass sie den Stromschnellen naeher kamen und diese wahrscheinlich am naechsten Tag erreichen wuerden.

Aus diesem Grund gingen sie an diesem Abend etwas frueher an Land, um noch einige Vorkehrungen fuer die morgige Fahrt zu treffen. So verzurrten sie die Bindungen der einzelnen Baumstaemme neu, fertigten Schlaufen aus Lianen an, die als Haltegriffe dienen sollten und verstaerkten noch einmal die Ruderaufhaengung. Ausserdem hatte Ronon aus ein paar Aesten und ein paar Stuecken sehr harter Borke ein Paar Paddel gebaut, die ihnen helfen sollten, das Floss auch noch unter extremen Bedingungen lenken zu koennen.

 

Als sie am naechsten Morgen ihr Gefaehrt bestiegen, verstauten sie zunaechst noch den Proviant und verzurrten diesen so fest es ging und sicherten sich dann selbst mit den Halteseilen, wobei sie das eine Ende um ihre Huefte wickelten und das andere mit den Lianen aus der Vertaeuung verknoteten.

 

Auf diese Weise vorbereitet glaubten sie fuer die bevorstehenden Wildwasser gewappnet zu sein. Als sie sich jedoch etwa drei Stunden spaeter den Stromschnellen naeherten, ueberfiel sie angesichts der brausenden Gischt, die ihnen entgegenschlug, ein ungutes Gefuehl.

Mittlerweile tuermten sich vor ihnen gigantische Felswaende auf, die nur eine schmale Schlucht freiliessen, durch die sich der Strom nun hindurch zu zwaengen versuchte.

Nachdem jeder von ihnen seinen Platz eingenommen hatte, starrten sie mit klopfendem Herzen auf das Unheil, das sich ihnen dort rasend schnell naeherte.

Sie hatten vorher entschieden, dass Ronon das Ruder uebernehmen wuerde, da er ohne Zweifel der kraeftigste von ihnen war. John und Teyla wollten mit den Paddeln fuer weitere Stabilitaet sorgen, waehrend Rodney am Bug bleiben und sie auf gefaehrliche Untiefen aufmerksam machen sollte. Mulak hatten sie, diesmal ungefesselt, an Ronons Seite gelassen, auch wenn nicht sicher war, ob er ihm ueberhaupt eine Hilfe sein konnte, aber sie wollten dem Jungen das Gefuehl geben, sich nuetzlich machen zu koennen.

 

Schon bald verschluckte das Tosen des nun mehr reissenden Flusses jedes gesprochene Wort, so dass sie sich nur noch mit Handzeichen verstaendigen konnten. So konnte auch niemand von den anderen Rodneys gemurmeltes "Oh Gott!" hoeren, als sie die erste Stromschnelle erreichten und die sprichwoertliche Hoelle ueber sie herein brach.

 

~~~

 

Das Floss baeumte sich auf, als wuerde es von einer unsichtbaren Faust gepackt werden. Und als wenn ploetzlich die Zeit stehen geblieben waere, hing es fuer eine Sekunde reglos in der Luft, um dann mit beaengstigender Geschwindigkeit nach unten zu sausen und mit einem lauten Krachen, das selbst noch das Brausen um sie herum uebertoente, auf einem Felsen, der halb aus dem Wasser ragte, aufzuschlagen. Die Baumstaemme aechzten vernehmlich unter dieser Belastung auf.

Und als Rodney, der vor Schreck die Augen geschlossen hatte, diese wieder oeffnete, sah er, dass dies nur ein Vorgeschmack von dem war, was da jetzt auf sie zukam. Denn inmitten dieser von hundert Meter hohen Felsen umrahmten Schlucht, schien die Welt schlicht Kopf zu stehen. Fuer einen Moment wollte er einfach der Versuchung nachgeben, sich zusammen zu kauern und auf das Ende zu warten, doch dann besann er sich grimmig auf seine Aufgabe und spaehte angespannt in das weiss schaeumende Chaos, das sich dort vor ihm und den anderen an Bord auftat.

 

Immer wieder musste er sich mit einer Hand das Wasser aus seinen Augen wischen, um ueberhaupt etwas erkennen zu koennen. Und nicht nur einmal kam dabei seine Richtungsanzeige fuer Ronon gefaehrlich spaet. Dieser bemuehte sich verzweifelt ihr Gefaehrt auf Kurs zu halten, was bei den unvorstellbaren Kraeften, die hier am Werk waren, schier unmoeglich wirkte. Auch Teyla und Sheppard hatten mit ihren Paddeln diesen Gewalten nur wenig entgegen zu setzen.

Und in immer kuerzeren Abstaenden wurde ihr Gefaehrt, einem kleinen Streichholzheftchen gleich, an die Waende der Schlucht und wieder zurueck geschleudert.

Durch die Wucht der staendigen Kollisionen spuerte Sheppard, wie seine Wunde wieder aufbrach, und er fuehlte das Blut trotz des Verbandes warm an seiner Seite herunterlaufen. Doch darauf konnte er jetzt keine Ruecksicht nehmen. Er biss die Zaehne zusammen und konzentrierte sich auf die naechste Stromschnelle, die ihm bedauerlicherweise auch nicht den Gefallen tat zu warten. Ein heftiger Schlag liess das Floss abermals bedrohlich erzittern, dann lag es ploetzlich ruhig im Wasser.

 

"Ist es vorbei?" schrie Ronon gegen das Tosen an.

 

Kreidebleich drehte sich Rodney kurz zu seinen Freunden um. Seine Augen waren vor Entsetzen uebernaturlich stark geweitet, als er mit zitternden Haenden nach vorne deutete und rief:

 

"Nein! Da kommt noch..." der Rest ging in seinem gepressten Aufkeuchen unter, als das Floss kurz darauf zehn Meter in die Tiefe stuerzte.

Noch waehrend sie fielen erklang ein fuerchterliches Krachen. Das Ruder war an einem der Felsen, die hinter dieser Stufe versteckt lagen, haengengeblieben und dann abgerissen.

Fuehrerlos prallte das Floss auf dem Wasser auf und tauchte fast bis zur Haelfte darin ein. Teyla, John und Ronon wurden nach vorne geschleudert und konnten sich gerade noch an ihren Schlaufen festhalten. Rodney hingegen wurde gaenzlich unter die Oberflaeche gezogen, doch auch er konnte sich noch festkrallen, bis sich das Floss, fast wie in Zeitlupe, wieder aufgerichtet hatte.

Dann war es endlich ruhig. Sie hatten es geschafft. Noch voellig benommen und bis auf die Knochen durchnaesst wurden sie sich langsam des Wunders bewusst, dass sie tatsaechlich noch am Leben waren.

 

"Bei Euch alles in Ordnung?" fragte John mit atemloser Stimme.

 

Die anderen nickten erschoepft, doch auf einmal fragte Teyla:

 

"Wo ist Mulak?"

tbc

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