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Brothers Teil 4

... und der naechste Teil... ;o)





 

Nach einer kleinen Weile hoerte Sheppard McKay fragen:

 

"Was ist denn nun eigentlich passiert, nachdem ich... nachdem die... naja... Sie wissen schon..."

 

Innerlich seufzte John auf. Er hatte diese Frage frueher oder spaeter erwartet. Und ihm war auch bewusst, dass es im Grunde nichts gab, das ihn von der Beantwortung derselben befreien wuerde. Und da er aber auch der Meinung war, dass es Rodney verdient hatte, wirklich alle Umstaende zu erfahren, begann er zu erzaehlen. Er berichtete von den immer wiederkehrenden Albtraeumen, von den seltsamen Gefuehlen, die ihn seit ihrer Ankunft auf diesem Planeten beschlichen hatten, und er schilderte das Wiedersehen mit dem Wraith in jeder Einzelheit. Als er an der Stelle angekommen war, an der ihn der Wraith geheilt hatte, fuhr Rodney aufgeregt dazwischen:

 

"Er hat was getan? Sie geheilt? Wie denn das?"

 

"Das kann ich auch nicht so genau sagen. Es war, als wenn eine ungeheure Kraft in mich hineinstroemen wuerde," antwortete Sheppard nachdenklich, waehrend sich dieser Moment nochmals vor seinem geistigen Auge abspielte. "Ich glaube, er hat mir einfach etwas von seiner Lebensenergie gegeben, etwas von seiner Kraft, sich selbst zu heilen. Es war... " vergeblich suchte er nach dem richtigen Wort "... unbeschreiblich!"

schloss er dann etwas hilflos ab.

"Aber vielleicht verstehen Sie jetzt etwas besser, warum ich ihn nicht zuruecklassen konnte. Er hat mir wirklich das Leben gerettet. Und das nicht zum ersten Mal. Es gibt da eine Verbindung zwischen uns... ich kann es nicht erklaeren, aber sie ist da.

Wissen Sie, das Gefuehl erinnert mich an meine Kindheit. Es gab da diesen Jungen. Charly. Er war damals so etwas wie ein Bruder fuer mich. Ich selbst hatte nie Geschwister. Aber Charly und ich, naja, wir waren eben wie Brueder. Wir haben sogar dieses Blutsbrueder-Ritual durchgezogen, bei dem man sich mit einem Messer in den Arm schneidet und dann die Wunden aufeinander legt, damit sich das Blut vermischen kann."

Sheppards Stimme hatte einen dunkleren Klang angenommen, als er von Charly erzaehlte.

McKay spuerte instinktiv, dass da noch mehr war. Vorsichtig fragte er nach:

 

"Was ist aus dem Jungen geworden?"

 

"Er ist gestorben," erwiderte Sheppard mit beherrschter Stimme. "Oder besser, er wurde getoetet. Ein betrunkener Autofahrer hat ihn erwischt, als er die Strasse ueberqueren wollte," er machte eine kurze Pause, bevor er weitersprach:

"Er war auf dem Weg zu mir."

 

Rodney hoerte, wie John unvermittelt aufstand und unschluessig ein paar Schritte in der Dunkelheit machte. Und er hoerte seinen unterdrueckten Zorn, als er mehr zu sich selbst sagte:

 

"Verdammt. Warum bin ich an diesem Tag nicht zu ihm gegangen? Dann haette der Idiot mich erwischt, und Charly wuerde noch leben," und ein verzweifeltes Seufzen entrang sich seiner Kehle. Dann wandte er sich wieder an seinen Freund:

 

"Wissen Sie, Rodney, ich habe niemals mehr in meinem Leben eine solch starke Bindung zu jemandem gehabt. Verstehen Sie das bitte nicht falsch. Sie sind mein Freund, Teyla und Ronon ebenfalls, und Elizabeth und all die anderen in Atlantis..." wieder machte er eine Pause. Es fiel ihm schwer, die Gefuehle, die in diesem Moment ueber ihn hereinbrachen, zu beschreiben, "... aber dieses Band zwischen Charly und mir liess sich nie ersetzen... bis heute. Und das ist es, was mich zum einen zutiefst verwirrt, aber zum anderen auch eine ungeahnte Zufriedenheit und Ruhe in mir ausloest. Es ist fast wie damals, als Charly und ich unser Blut geteilt haben. Das hier fuehlt sich irgendwie genauso an."

Unvermittelt lachte John leise auf.

"Das klingt alles sehr verrueckt, nicht wahr?"

 

"Ich bin mir nicht sicher, wie das klingt," meinte Rodney ehrlich, "aber ich glaube, ich beginne, es zu verstehen. Vielleicht ist dieser Wraith hier doch anders, als..."

 

"Ruhe!" unterbrach ihn John ploetzlich mit gedaempfter Stimme.

 

"Was? Was ist los?" fluesterte McKay zurueck.

 

"Hoeren Sie doch!"

 

Und jetzt bemerkte auch McKay die Geraeusche. Es waren die schweren Schritte von mindestens drei oder vier Wraiths, die sich ihrem Versteck naeherten. Aber noch befanden sie sich in dem Hauptgang, und die beiden Menschen beteten im Stillen darum, dass dies auch so bleiben moege. Keiner von ihnen wagte in diesem Moment auch nur zu atmen, und John konnte Rodneys bangen Blick faktisch koerperlich spueren.  

 

Und ploetzlich schoss ihm ein sehr beaengstigender Gedanke durch den Kopf.

Wenn es ihm moeglich gewesen war, Kolyas Wraith auf eine unterschwellige Art und Weise zu spueren, was hielt diese Wraiths dann davon ab, ihn ebenfalls zu erspueren?

Und sein Magen zog sich bei dieser Vorstellung krampfhaft zusammen.

 

Dann erschien in einigen Metern Entfernung ein Lichtschein, der im Rhythmus der Schritte durch die Finsternis geisterte. Wie paralysiert beobachteten Sheppard und McKay den tanzenden Lichtkegel.

Doch dann passierte das, was keiner von ihnen, wenn sie ehrlich haetten sein sollen, erwartet hatte.

Das Licht verblasste ebenso wie die Schritte. Die Wraiths waren, ohne dem kleinen Nebengang auch nur eines Blickes zu wuerdigen, vorbeigegangen.

McKay stiess mit einem erleichterten Seufzen die angehaltene Luft aus, waehrend Sheppard nur verwundert und nachdenklich die Stirn runzelte. Wieso hatten sie sie nicht bemerkt? Warum waren sie einfach an ihnen vorbeimarschiert?

Nach einer Erklaerung suchend meinte er leise:

 

"Wahrscheinlich konnten die sich einfach nicht vorstellen, dass wir schon nach ein paar Metern wieder Halt machen wuerden."

Doch die tiefe Ueberzeugung sprach nicht aus seinen Worten.

 

"Verdammt, wissen Sie, was ich mir eben vorgestellt habe?"

 

McKay schuettelte den Kopf. Als ihm klar wurde, dass Sheppard diese Bewegung ja gar nicht sehen konnte, fuegte er wispernd ein "Nein" hinzu.

 

"Ich musste daran denken, dass ich unseren Wraith hier ja irgendwie fuehlen konnte. Aber was waere gewesen, wenn die anderen Wraiths mich nun auch auf eine Art haetten spueren koennen?"

Seine Frage hing einen Moment lang wie eine dunkle Gewitterwolke in der Luft...

 

"Und das haetten sie wahrscheinlich auch gekonnt..."

 

John zuckte bei diesen Worten zusammen. Rodney hingegen hatte selbst aus der sitzenden Position heraus einen Satz nach hinten gemacht und sich dabei empfindlich den Kopf gestossen.

 

"Oohh... Herrgott! Musst Du einen so erschrecken?" herrschte er den Wraith an.

 

Doch Sheppard interessierte in diesem Moment etwas ganz anderes.

"Wie lange bist Du schon wach?"

 

"Lange genug," antwortete der Wraith, sein Tonfall klang beinahe sanft.

 

Etwas unschluessig wie er darauf reagieren sollte, dass der Wraith anscheinend das ganze Gespraech mit angehoert hatte, richtete Sheppard sein Augenmerk auf das, was dieser zuvor gesagt hatte.

 

"Was meintest Du damit, dass sie es wahrscheinlich gekonnt haetten? Waere es Ihnen denn moeglich, uns aufzuspueren?"

 

"Ja," erwiderte der Wraith schlicht.

 

"Und warum sind sie dann einfach vorbeigelaufen?"

 

"Diese Wraiths eben waren nur Krieger. Ihre geistigen Faehigkeiten sind nicht so stark ausgepraegt wie bei den hoehergestellten Wraiths. Ich habe uns noch rechtzeitig vor ihnen abschirmen koennen," erklaerte er. "Wir sollten jetzt aufbrechen."

 

Sheppard glaubte, diesen Wraith mittlerweile gut genug zu kennen, um zu wissen, dass sie im Augenblick keine weiteren Antworten bekommen wuerden.

Auch Rodney schien von dieser Tatsache ueberzeugt zu sein, denn er hoerte, wie der Kanadier umstaendlich auf die Beine kam und dann wisperte:

 

"Schoen. Und was jetzt?"

 

"Gib mir die Lampe," forderte der Wraith John auf.

 

"Bist Du sicher, dass das klug ist?" gab dieser zurueck.

 

"Nun ja, ich persoenlich brauche kein Licht, um mich hier zurecht zu finden, jedoch befuerchte ich, dass Eure Augen, diesen Anforderungen nicht gewachsen sind. Aber wenn Ihr lieber jede Wand mit Euren Nasen ertasten wollt, soll mir das recht sein."

 

Daraufhin hoerte man ein etwas abfaelliges Schnauben von McKay, doch John musste grinsen.

'Ein Wraith mit Humor... das ist doch mal was Neues,' dachte er schmunzelnd.

Und so begab sich das ungleiche Trio auf den Weg, diesem steinernden Labyrinth zu entkommen.

Der Wraith, der die Lichtstaerke seiner Lampe auf ein Minimum reduziert hatte, ging voran, gefolgt von McKay, waehrend Sheppard die Nachhut bildete.

 

Vorsichtig schlichen sie durch die Tunnel. Immer wieder bogen sie an den Kreuzungen und Gabelungen scheinbar wahllos ab, und Sheppard war sich ziemlich sicher, dass dies nicht der Weg war, auf dem sie zuvor gekommen waren. Doch er erkannte auch den Sinn darin. Dem Wraith musste bewusst sein, dass sie nach dem Einsturz der Hoehle das Tunnelsystem nicht auf diese Art verlassen konnten. Auch McKays Gedanken schienen in aehnlichen Bahnen zu verlaufen, denn er liess sich ein wenig zurueckfallen und fragte leise:

 

"Haben Sie eigentlich den Hauch einer Ahnung, wo er uns hinfuehrt?"

 

"Na, ich gehe mal davon aus, dass wir auf einem mehr oder weniger direktem Weg nach draussen sind," antwortete Sheppard gleichmuetig.

 

"Oh, Sie gehen davon aus? Das beruhigt mich jetzt ungemein," zischte Rodney zurueck.

 

"McKay!" entgegnete John leicht genervt. "Ich hatte geglaubt, wir waeren damit durch? Ich vertraue ihm. Basta! Und das sollten Sie auch. Sehen Sie, wenn er uns wirklich haette verraten wollen, haette er dafuer schon mehr als nur eine Gelegenheit gehabt. Wann geht das endlich in Ihren Kopf?" und ohne eine Antwort auf diese ohnehin eher rhetorische Frage abzuwarten, setzte er angespannt hinzu:

"Und jetzt halten Sie die Klappe!"

 

Und tatsaechlich schloss Rodney seinen Mund wieder, ohne die entsprechende Bemerkung abzugeben, die ihm foermlich auf der Zunge gelegen hatte. Missmutig stierte er noch eine Weile vor sich hin, waehrend sie sich weiter durch die dunklen Gaenge bewegten.

Doch nur kurze Zeit spaeter brach er erneut das Schweigen:

 

"Haben Sie noch 'nen Powerriegel uebrig? Ich sterbe vor Hunger!" und schaute dabei sehnsuechtig auf die Westentaschen seines Freundes. Ihm selbst hatten die Wraiths alles abgenommen, er besass nur noch die Kleidung, die er auf dem Leibe trug.

Kommentarlos griff John in seine linke Brusttasche, zog einen Riegel hervor und reichte ihn McKay, allerdings nicht, ohne dabei die Augen zu verdrehen.

 

"Was?" fauchte ihn der Kanadier an, dem diese Mimik nicht entgangen war. "Sie wollen doch wohl nicht, dass ich einen hypoglykaemischen Schock erleide, oder?"

 

Sheppards "Shht!" ging in dem zornigen Fauchen des Wraiths unter.

 

"Was?" wiederholte McKay, diesmal an die Adresse des Wraiths gewandt und noch lauter als zuvor.

 

"Ihr Menschen redet zu viel!"

 

"Oh, entschuldige bitte, dass wir nicht mit dieser herausragenden Gabe gesegnet sind, uns per Gedankenuebertragung unterhalten zu koennen. Wir Menschen muessen uns da leider noch mit der herkoemmlichen Methode begnuegen! Also hoer' auf, mich staendig anzufauchen! Das... "

McKays wortreicher Redefluss nahm ein jaehes Ende, als der Wraith zwei schnelle Schritte auf ihn zumachte und sich drohend mit erhobener Rechten vor ihm aufbaute.

Mit vor Angst flackerndem Blick starrte Rodney auf den Wraith, die Haende wie zur Abwehr erhoben.

 

"Scho.. schon g.. gut, ich b..bin ja jetzt ruhig," stotterte er kleinlaut.

 

Der Wraith stiess ein befriedigtes Schnauben aus, drehte sich wieder um und setzte seinen Weg fort.

Und obwohl Rodney ihm schon fast ein wenig leid tat, musste John insgeheim grinsen.

'Uh... ich fuerchte, das hat geholfen!'

 

Und in der Tat schwieg McKay von nun an, was ihn aber nicht daran hinderte, den Bruedern immer wieder grimmige Blicke zuzuwerfen, waehrend er seinen Powerriegel vertilgte.

 

John ueberlegte indessen, wie spaet es wohl war, und ob Elizabeth vielleicht schon einen Rettungstrupp losgeschickt hatte. Er hatte schon vor geraumer Zeit festgestellt, dass seine Uhr bedauerlicherweise den Geist aufgegeben hatte. Dies ruehrte wahrscheinlich von seinem Kampf mit dem Wraith her. Aber wenn ihn sein Zeitgefuehl nicht vollends im Stich gelassen hatte, waren seit dem Moment, in dem er nach dem Einsturz der Hoehle wieder aufgewacht war, wahrscheinlich gerade mal drei Stunden vergangen. Subjektiv betrachtet kam es ihm jedoch wie ein ganzes Lebensalter vor.

Acht Stunden. Das war die Zeit, auf die man sich bei dieser Art von Missionen geeinigt hatte, bevor ein erneuter Funkkontakt erforderlich wurde.

'Wer hat sich bloss diese verdammten Missionsprotokolle ausgedacht?' fragte sich Sheppard.

Das bedeutete demnach, dass sie noch etwa zwei Stunden durchhalten mussten, ohne entdeckt zu werden. Oder Schlimmeres. Und auch sollten sie bis zu diesem Zeitpunkt dieses Hoehlensystem verlassen haben, denn er bezweifelte stark, dass das Funksignal diese Abermillionen Tonnen an Gestein durchdringen konnte.

 

Ploetzlich wurde er durch eine abrupte Handbewegung des Wraiths, das von einem leisen Knurren begleitet wurde, aus seinen Ueberlegungen gerissen. Fragend schaute Sheppard ihn an. Mit einer zusaetzlichen Handbewegung gab der Wraith ihnen wortlos zu verstehen, dass sie ihm folgen sollten. Sie gingen ein paar Meter zurueck, bis sie wiederum an einem der kleinen Seitenarme angelangt waren. In diesen drangen sie bis zum naechsten Knick des Ganges ein. Der Wraith legte kurz seinen Finger auf die Lippen und loeschte das Licht. Doch mittlerweile war auch McKay und Sheppard klar geworden, was es mit seinem Verhalten auf sich hatte. Dicht an die Wand gepresst und den Atem anhaltend, warteten sie darauf, dass die Wraithpatrouille vorbeiging.

Der Wraith hatte die Augen geschlossen und auf seinem Gesicht war ein konzentrierter Ausdruck erschienen. Und obwohl John dies nicht sehen konnte, spuerte er die Anstrengung des Wraiths, sie vor den anderen abzuschirmen.

Und instinktiv versuchte er, es ihm gleich zu tun. Er bemuehte sich, eine Blockade um seine Gedanken zu errichten. Er stellte sich eine eiserne Wand vor, an der alles, was von draussen kam, abprallen sollte. Er konnte noch nicht einmal annaehrend erklaeren, ob das, was er da tat, wirklich einen Sinn ergab, ob er es richtig machte oder warum er es ueberhaupt tat. Alles, was er verspuerte, war dieser innere Impuls, dem er schlicht nachgeben musste.

Und zunaechst schien es, als wenn sie auch dieses Mal Erfolg haben sollten. Die Patrouille liess den kleinen Gang unbeachtet und ging vorueber. Sie wollten schon erleichtert aufatmen, als sie ploetzlich die Schritte eines einzelnen Wraiths hoerten, der zurueckkam und langsam den Tunnel, in dem sie sich versteckt hielten, betrat.

Seine Schritte wurden lauter, und das Licht seiner Lampe taenzelte nur Zentimeter von ihnen entfernt in der Dunkelheit umher.

Und dann entdeckte er sie. Fuer eine Sekunde starrte der Wraith sie fast ueberrascht an, doch schon im naechsten Moment verzerrte sich sein Gesicht zu einer wutentstellten Fratze.

 

"Oh Mist!" entfuhr es Sheppard, dann zogen der Wraith an seiner Seite und er synchron ihre Stunner und schossen. Zweifach getroffen fiel der Gruengesichtige betaeubt zu Boden.

 

"Wir muessen fort," sagte der Wraith bestimmt. "Ich weiss nicht, ob er noch eine Verbindung zu den anderen hatte, wenn ja..." er liess den Satz unvollendet, aber auch so konnten sich die beiden Menschen lebhaft ausmalen, was das bedeuten sollte.

 

"Ich habe keine Einwaende," erwiderte John trocken, waehrend Rodney nur nicken konnte.

Und zusammen rannten sie los. Der Wraith hatte seine Lampe wieder angeschaltet. Da es in diesem Augenblick wichtiger war, schnell voranzukommen, nahmen sie das Risiko, gesehen zu werden, in Kauf. Als sie wieder auf den Hauptgang trafen, wandten sie sich, ihrer urspruenglichen Route folgend, nach links. Sie hetzten den Tunnel entlang. Und es dauerte nicht lange, da hoerten sie hinter sich das Geraeusch vieler Stiefel auf steinigem Boden. Ungluecklicherweise schien der Wraith mit seiner Befuerchtung Recht gehabt zu haben. Die anderen hatten sie aufgespuert.

Und wieder fuehrte sie der Wraith auf verwirrende Weise durch das Tunnelsystem. Doch diesmal glaubte Sheppard, dass dies tatsaechlich wahllos und willkuerlich geschah, um ihre Verfolger abzuschuetteln. Und sie schienen Erfolg zu haben, denn die Schritte hinter ihnen wurden fortwaehrend leiser und verstummten schliesslich ganz. Zumindest fuer den Augenblick.

 

Doch urploetzlich stoppte der Wraith jaeh ab und breitete gleichzeitig seine Arme aus, um zu verhindern, dass die beiden Maenner auch nur einen Schritt weiterliefen. Und wie John erschrocken feststellen musste, hatte diese Massnahme ihm und Rodney wahrscheinlich ein weiteres Mal das Leben gerettet.

 

Vor ihnen hatte sich ein nahezu kreisrunder Abgrund aufgetan, der einen Durchmesser von gut und gerne fuenf Metern haben mochte. Bedauerlicherweise schlossen seine Seiten nahtlos mit den Waenden des Ganges ab, so dass es keine Moeglichkeit gab, ihn zu umgehen. Auch waren sie auf dem letzten halben Kilometer ihrer Flucht auf keine weiteren Kreuzungen gestossen, demnach war eine Rueckkehr, um nach einem anderem Weg zu suchen, viel zu riskant.

 

"Und was jetzt?" fragte McKay nervoes.

 

Ohne zunaechst auf dessen Frage einzugehen, nahm Sheppard einen kleinen Stein und liess ihn in den tiefschwarzen Schlund fallen. Vorsichtig beugte er sich ueber den Abgrund, um zu hoeren, wann er unten aufschlagen wuerde. Erst nach einer schieren Ewigkeit nahm er fast unhoerbar ein leises Klackern wahr.

 

"Das ist ziemlich tief!" stellte er daraufhin fest.

 

"Ach, wirklich?" gab McKay sarkastisch zurueck und sah seinen Freund boese an.

 

"Wir werden springen," sagte der Wraith fast gleichmuetig.

 

"Ich hatte befuerchtet, dass Du etwas Derartiges vorschlagen wuerdest," erwiderte Sheppard resignierend. "Dann los! Ich lasse Dir gerne den Vortritt," fuegte er hinzu und machte eine einladene Geste.

Der Wraith sah ihn kurz kopfschuettelnd an und setzte dann mit einem gewaltigen Sprung und praktisch aus dem Stand auf die andere Seite ueber. John zog verbluefft, aber auch bewundernd die Augenbrauen nach oben.

'Okay... das war gar nicht so uebel,' dachte er. 'Na, dann will ich mal.'

 

Sheppard nahm vorsichtshalber ein paar Meter Anlauf, erreichte dann aber ebenso wie der Wraith ohne Probleme die gegenueberliegende Seite. Er drehte sich um und meinte:

 

"Und jetzt Sie, Rodney!"

 

Doch dieser starrte nur mit vor Entsetzen geweiteten Augen auf den Abgrund vor ihm.

 

"Oh nein... das... das schaffe ich nicht!" erwiderte er panisch. "Das koennen Sie nicht von mir verlangen!"

 

"Jetzt reden Sie keinen Unsinn! Natuerlich schaffen Sie das!" versuchte ihn John zu ermutigen.

 

"Niemals... ehrlich... ich kann das nicht... ich..." der blanke Horror stand ihm ins Gesicht geschrieben.

 

"Verdammt, McKay! Jetzt machen Sie schon!" Johns Stimme hatte mittlerweile einen leicht flehenden Unterton angenommen, denn in der Ferne erklangen nun abermals die Schritte ihrer Verfolger. Dies schien auch McKay vernommen zu haben. Angestrengt blickte er zurueck in die Dunkelheit, aus der sie gekommen waren. Als er sich danach wieder seinen Begleitern zuwandte, war ploetzlich jegliche Panik aus seiner Stimme verschwunden.

 

"Es geht nicht," entgegnete McKay in einem schon fast beaengstigend ruhigen Tonfall. "Lassen Sie mich hier zurueck und retten Sie sich. Ich werde versuchen, die Wraiths so lange wie moeglich aufzuhalten... und... viel Glueck!"

 

"Rodney!"

Sheppard konnte nicht glauben, was er da hoerte. "Wollen Sie hier jetzt tatsaechlich den Maertyrer spielen? Das werde ich nicht zulassen! Warten Sie! Ich komme zurueck!"

 

Doch bevor Sheppard erneut Anlauf nehmen konnte, ergriff der Wraith seinen Arm und fragte herausfordernd:

 

"Und was willst Du tun, wenn Du drueben bist?"

 

"Keine Ahnung! Mir wird schon irgendetwas einfallen," gab John aufgebracht zurueck.

 

"Nein! Das wird es nicht," erwiderte der Wraith unnachgiebig.

 

"Zur Hoelle nochmal... er ist mein Freund. Und ich werde ihn nicht zuruecklassen! Und es ist mir egal, was Du oder dieser maertyrerspielende Idiot da drueben dazu sagt!" Johns Augen funkelten bei diesen Worten gefaehrlich vor unterdrueckter Wut und Verzweiflung.

 

"Ich habe nichts von Zuruecklassen gesagt," stellte der Wraith mit einem Laecheln fest, liess John los und sprang selbst zurueck auf die andere Seite. Dort angekommen ging er zielstrebig auf den Kanadier zu, der ihm zutiefst verwirrt entgegensah.

 

"Wa..wa..was hast Du vor?" fluesterte er zitternd.

 

Und noch bevor Rodney es sich versah, hatte ihn der Wraith bereits mit beiden Haenden um die Huefte herum gepackt und trat mit ihm an den Abgrund.

 

"Oh Gott!" murmelte McKay tonlos und kniff die Augen zusammen. Er befuerchtete das Schlimmste...

 

Sheppard stand auf seiner Seite des Abgrundes und musste sich hilflos und zur Untaetigkeit verdammt das Geschehen mitansehen, das sich da in nur wenigen Metern Entfernung abspielte. Was hatte der Wraith vor? Er wuerde doch nicht....?

 

Unvermittelt hatte Rodney das Gefuehl zu fliegen. Verbluefft riss er die Augen auf und bereute dies aber augenblicklich wieder, denn alles, was er sah, war ein tiefschwarzes Nichts direkt unter ihm. Dann gewahrte er aus den Augenwinkeln seinen Freund, der sich rasend schnell auf ihn zu bewegte...

Nein, das war so nicht ganz richtig. Nicht John war derjenige, der sich bewegte... er selbst war dieses Objekt. Und schlagartig wurde ihm klar, was der Wraith getan hatte. Er hatte ihn kurzerhand ueber den Abgrund geworfen.

Und jetzt flog er ungebremst auf Sheppard zu, der gerade noch seine Arme heben konnte, in dem Versuch, ihn irgendwie aufzufangen. Doch dieser Versuch misslang klaeglich, als Rodney in der naechsten Sekunde mit Sheppard zusammenprallte und diesen mit zu Boden riss.

 

Nach einer vorsichtigen Sondierung seiner Knochen und der nicht von der Hand zu weisenden Tatsache, dass er wahrhaftig noch lebte, hob McKay langsam den Kopf und schaute geradewegs in Sheppards feixendes Gesicht, das sich seltsamerweise unter seinem befand. Erst jetzt wurde ihm der Grund bewusst, weshalb er so weich, aber dennoch etwas unbequem lag. Er hatte seinen Freund praktisch unter sich begraben.

 

"Was grinsen Sie so?" fragte er irritiert.

 

"Ich habe mich nur gerade gefragt, ob Sie es wohl auch gemuetlich haben?" erwiderte John noch immer schmunzelnd mit einem schraegen Seitenblick auf ihre derzeitige Position.

 

"Was? Oh.... ja.... ich meine, nein... 'Tschuldigung!" schnell rappelte Rodney sich hoch.

Und Sheppard tat es ihm nach. Inzwischen war auch der Wraith wieder auf ihre Seite des Abgrundes uebergewechselt.

 

"Sehen Sie, Rodney! Es gibt fuer alles eine Loesung, auch wenn diese hier zugegebenermassen etwas ungewoehnlich war," meinte John sichtlich erleichtert.

 

"Ja, ja, Sie haben ja Recht. Zufrieden?" entgegnete McKay etwas unwirsch, da er sich noch nicht so recht mit dem Gedanken abgefunden hatte, wie ein nasser Sack durch die Luft geworfen worden zu sein. Doch dann stutzte er, als er Sheppard bei diesen Worten ansah. Der feixende Ausdruck auf seinem Gesicht war noch immer nicht verschwunden, im Gegenteil, er hatte sich obendrein um einiges verstaerkt.

 

"Warum grinsen Sie eigentlich immer noch so?" fragte er daraufhin argwoehnisch.

 

"Wissen Sie, mir ist gerade in den Sinn gekommen, dass dies eine ganz neue olympische Disziplin werden koennte..."

 

"Wie? Was meinen Sie?" hakte Rodney verstaendnislos nach.

 

"Na.... den 'Kanadier-Weitwurf'," antwortete Sheppard und konnte sich nun das Lachen nicht mehr verkneifen. Und auch der Wraith gluckste heiser.

Rodney hingegen klappte die Kinnlade nach unten, und er starrte die Beiden nur noch sprachlos an. Doch dann begann es auch um seine Mundwinkel herum verdaechtig zu zucken, und er sagte:

 

"Das war schon richtig cool, oder?" und stimmte in das allgemeine Gelaechter mit ein.

Als sie sich wieder ein wenig beruhigt hatten, wandte McKay sich an den Wraith:

 

"Ach, und... Danke!"

 

Die Reaktion des Wraiths bestand darin, sich auf McKay zu stuerzen und ihn zu Fall zu bringen. Nur ein Bruchteil einer Sekunde spaeter schoss ein greller Strahl ueber ihren Koepfen hinweg.

Ihre Verfolger hatten sie eingeholt.

Mehrere Wraiths tauchten aus dem Tunnel hinter ihnen auf. Sie waren noch etwas mehr als zwanzig Meter von dem Abgrund entfernt, als sie begannen, das Feuer zu eroeffnen. Gluecklicherweise hielten sie sich nicht lange mit dem Zielen auf, wodurch die ersten Schuesse allesamt an ihnen vorbei zischten.

 

"Lauft!" schrie Sheppard den beiden anderen zu, waehrend er schon das Feuer erwiderte. Der Wraith zog Rodney wieder auf die Beine und stiess ihn in die Dunkelheit des Ganges vor ihnen. Dann riss er seinen eigenen Stunner aus dem Guertel und begann ebenfalls zu schiessen. Die ersten Wraiths auf der anderen Seite des Abgrundes waren schnell erledigt, aber das verschaffte ihnen nur eine kurze Verschnaufpause, denn schon hoerten sie das Echo der Schritte von sehr viel mehr Gruenhaeutigen, die sich ihnen unerbittlich naeherten. Sheppard und der Wraith sahen sich kurz an, sie wussten beide, dass sie bei der naechsten Angriffswelle sehr wahrscheinlich nicht mehr so viel Glueck haben wuerden. Sie nickten sich bestaetigend zu und machten kehrt.

 

Rodney, der ein paar Meter weiter ihm Gang auf sie wartete, sah ihnen verunsichert entgegen.

 

"Was ist jetzt?" fragte er, als Sheppard und der Wraith auf ihn zustuermten.

 

"Jetzt, Rodney, duerfen Sie zeigen, was Sie im Sprint drauf haben! Los, laufen Sie!"

 

Und Seite an Seite mit dem Wraith hetzten die beiden Maenner abermals durch die dunklen Gaenge dieses scheinbar endlosen Labyrinthes.

Sheppard begann sich langsam zu fragen, wie lange diese Hetzjagd eigentlich noch dauern sollte und ob sie jemals wieder das Tageslicht zu sehen bekommen wuerden. 

tbc

 

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